Die alten Jungfrauen. 8Kizze aus dem Volksleben von P. 3Tt. Ueber die alten Jungfern hält der Volkswitz ein sehr strenges, ja wirklich ein hochnothpeinliches Gericht. Sie werden nach ihrem Hinschciden an öde Stellen verbannt, wo sie dazu noch manche harte Arbeit zu verrichten haben. Der Grund solcher Strafe findet sich gerade nirgends deutlich ausgesprochen, allein er liegt doch wohl auf der Hand. Ich wenigstens halte dafür, es sei mit diesem Witzspiel zunächst auf die Sprödigkeit der Mädchen abgesehen. Uebrigens ist unser Spaß nicht von heut oder gestern, er hat hat sich seit Menschengedenken im Volke fortgcpflanzt. Vielleicht wären seine Wurzeln in den Schwänken des Mittelalters zu finden. In Tirol ist für die abgeschiedenen Altjungfrauen das Sterzinger Moos als Aufenthaltsort bestimmt. » Die alten Dienlen und die alten Roß kommen auf ' s Moos, « heißt ein Spruch, der mir seit frühester Jugend im Gedächtniß geblieben ist. Die Bedeutung dieser seltsamen Worte war mir anfangs freilich in mystisches Dunkel gehüllt. In meinem hochgelegenen tirolischen Heimatthal breiten sich keine » roffenährenden Fluren; " so war es mir unbekannt, daß man betagte Pferde auf magerem Moorgrund ihr letztes Gnadenbrod suchen läßt. Noch weniger fiel mir aber ein, was der Chorus jener Mädchen — auf dem Moos zu schaffen hätte. Der knabenhaften Neugierde antworteten die Männer bloß mit schalkhaftem Lächeln; allein die Weibsleute versicherten, den jungfräulichen Alten ergehe es auf dem Moos keineswegs schlecht: sie hätten nur von einem großmächtigen, daselbst aufragenden Zuckerfelscn mit einer Hacke kleine Stücke loszuschlagen. Bei diesem Geschäft stünde ihnen die Süßigkeit ganz nach Belieben zu Gebote. Allein von dieser egoistischen Angabe sehr abweichend lautet — wie ich später zu hören hinlänglich Gelegenheit hatte — die allgemeine Stimme über die Beschäftigung der Jungfrauen auf dem Sterzinger Moos. Sie müssen nämlich Leinsamen aufthürmen, daß sich aber mit diesen glatten Körnlein kein stolzer Bau zu Stande bringen läßt, ist begreiflich. Andere sind verurtheilt, mit einem feinen Sieb große Holzscheite zu sieben. Jedenfalls eine so vergebliche Mühe, als Wafferschöpfen mit bodenlosen Gefäßen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 3. März 1855, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/142-volksmaerchen-von-den-alten-jungfrauen-im-sterzinger-moos-1855).
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