Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KEINE KLAGE – NUR CHARLOTTE

Letzte Gedanken des Kaisers Maximilian vor dem Tod in Mexiko

1621 ohne Erfolg geblieben, und gewiß wäre dieses hervorragende Opfer der „ großen Idee " Napoleons wohl gerechtfertigt gewesen, h ' ätte er die letzten Augenblicke seines Lebens dazu benutzt, die Ursachen seines Unterganges und die Barbaren, welche nach seinem Blute lechzten, anzuklagen und bloSzustellen. Aber Maximilian war ein Mann von mehr Seelengröße, von höherem Heroismus, um hierzu herabzusteigen. Er hatte sein Leben entschlossen in die Schanze geworfen zur Behauptung seines KaiserthumS, er hatte sein Wort verpfändet, cs durchzukämpfen mit seinen Freunden. Als ein guter Soldat war er auch für diesen äußersten Unfall vorbereitet Er erkannte an, daß sein Schicksal vom KriegSglücke bestimmt war, und er hatte weder Klagen noch Anklagen zu machen. Wie der zum Sterben auftretende Gladiator des alten Rom „ lag ihm Nichts am Leben, noch auch am Kampfpreise, sein Herz war in der Heimath, und diese war weit entfernt. " Gesicht zu Gesicht mit blutdürstigen Henkersknechten die nur auf das Wort „ Feuer " lauschten, waren alle seine Gedanken über sein vorloreneS Reich und seine eigene niedere Lage vor den süßen Erinnerungen treuer Liebe gewichen, welche sein Leben, seine Glückseligkeit, sein Schicksal und selbst seinen Ehrgeiz mit der „ armen, armen Charlotte " verbunden hatte. Wie bei einem Manne, der am Ertrinken ist, zahlreiche Ereignisse seines vorübergcgangenen Lebens, welche sich über viele Jahre hin vertheilen, innerhalb weniger Sekunden durch sein Gehirn hinfliegen, — so wurden auch diesem Opfer mexikanischer Rache ohne Zweifel in diesen letzten Augenblicken seines irdischen Lebens jene herzinnigen Erinnerungen an seine junge, schöne begabte, hochgebildete und ihm mit ihrer ganzen Seele ergebenen Gattin, die ihm eben sein mxikanischeS Reich in seine Seele zurückgerufen und seine Hoffnungen auf das mexikanische Volk so werthvoll gemacht hatten, daß er ihnen nur mit dem Tode entsagen konnte. „ Arme Charlotte! " Ihre Triumpfreisen durch ' S mexikanische Land, der ihr gespendete Blumenrcgen, ihre allenthalben so willkommene Wohlthängkeit, ihre grazienvolle Weise, ihre katholische Frömmigkeit und ihre unwiderstehliche weibliche Güte, für die die Mexikaner so empfänglich schienen, alle ihre herrlichen Eigenschaften waren ihm so durchaus geweiht, daß sie in ihm einen Heroismus he. vorricfen, wie er nur je in den feudalen Jahrhunderten gesehen ward. Er war ihr tapferer Ritter, ausgerüstet zum ruhmreichen Kreuzzuge mit ihren eigenen zarten Händen. Sie war feine Königin der Liebe und der Schönheit, der fein Wort als Soldat und seine Treue als ihr Ritter
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. August 1867, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/1999-letzte-gedanken-des-kaisers-maximilian-vor-dem-tod-in-mexiko-1867).

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