Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
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Edle That aufopfernder Nächstenliebe in der Tiroler HungerSnoth von 1816–17

(Aus den Hungerszeiten in Tirol.) Die „ 33. u. Sch. - Ztg. " berichtet aus dem Wippthale folgende rührende That aus dem Hungerjahre 1816 — 17: Der Hunger, welcher in Ostpreußen und andern Gegenden Europas in so erschreckender Weise auftritt, und in Algier zum höchsten Grad menschlichen Elendes sich steigert, erinnert uns daran, daß auch Tirol einst von einer großen HungerSnoth heimgesucht worden ist. ES war dies bekanntlich 1816 — 1817. Da hatte die Noth in unserem Vaterlande einen so hohen Grad erreicht, daß man Leute sehen konnte, die vor Hunger Harz und Baumrinden kauten, und mein Vater erzählte noch in späten Jahre » von dem furchtbaren Eindrücke, den ein armer Mann auf ihn machte, der auf einen Düngerhaufen hingeftreckt lag und an den Eingeweiden eines umgestandenen ThiereS nagte. In dieser großen allgemeinen Bedrängniß fehlte eS aber auch nicht an glänzenden Beispielen christlicher Nächstenliebe, von denen ich eines als vollkommen verbürgt mitzutheilen mir erlaube. In St. war eine Familie von 11 Köpfen, acht Kinder, Vater, Mutter und Großvater. Auch sie litt bereits großen Mangel und kämpfte mit der Noth. Eine Handvoll Nachmehl bildete den ganzen Vorrath an Lebensmitteln. Da kam ein altes Weib, von Hunger ermattet und erschöpft, und bat um Gottes Willen um ein wenig Mehl, da ihr, aller Hilfe bloß, nichts anderes bevorstehe, als Hungers zu sterben. Die Mutter der Familie, obwohl selbst der höchsten Noth nahe gebracht, spendete das letzte Stäubchen aus ihrer Mehltruhe dem armen Weibe, welches ihre Retterin mit der Hoffnung tröstete, der liebe Gott werde es ihr reichlich vergelten. Eben schickte sich die Familie an, hungerig zu Bette zu gehen und mit noch größerem Hunger aufzuwachen, als eine Bäurin eintrat, die ihre Wohlhabenheit zu rechter Zeit und an rechten Orten zu verwerthcn verstand, und bei dieser HungerSnoth Alles, was sie besaß, bei nächtlichem Dunkel an HauSarme vertheilte Ein reiches Geschenk an Mehl, Schmalz, Milch und ein Körbchen Eier sicherten der armen Familie wieder den Unterhalt auf viele Tage, und belohnte in reichem Maaße die edle That aufopfernder Nächstenliebe.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 2. April 1868, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/2113-edle-that-aufopfernder-naechstenliebe-in-der-tiroler-hungersnoth-1868).

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