Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GEISTERSTUNDE IN DER HOFBURG

Gespenstische Erscheinung in der Wiener Hofburg und militärische Erwiderung auf Aberglauben

(Ein Gespenst in der Wiener Hofburg.) Die „ weißen Frauen in der Hofburg ", die zu verschiedenen Zeilen in verschiedenen Korridoren der kaiserl. Burg in Wien sichtbar wurden, seit Maria Theresia aber ihr mitternächtliches Treiben aufgegeben haben, scheinen nunmehr den Zeitpunkt wieder für geeignet zu halten, um von sich reden zu machen, denn in einer Nacht der vorvorigen Woche hat sich eine solche Erscheinung wieder in der Hofburg gezeigt, und wer ' S nicht glaubt, frage den Soldaten vom Jnfanterie - Regimente Reischach, der in jener Nacht zwischen 12 und 1 Uhr also um die richtige Geisterstunde, in der Nähe der früheren Appartements der verstorbenen Erzherzogin Sophie auf Wache stand. Es war gegen 1 Uhr Nachts, da stürzte der Soldat todtenbleich in die Wachstube und meldete, er habe ein riesiges Gespenst, ein Frauenzimmer mit „wildem " Gesicht, rasch auf sich zuschreiten gesehen und in seiner Todesangst die Flucht ergriffen. Nachdem er die « erzählt, stürzte er wie leblos nieder, und man halte Mühe, ihn zum Bewußtsein zurückzurufen. Ein Führer und zwei Mann wurden sofort an die bezeichnete Stelle beordert, und sie kamen mit der noch immer unheimlich klingenden Meldung zurück, daß sie auf derselben Stelle einen ihnen unerklärlichen Lichtschein gesehen hätten. Der Oberst des Jnf. - Reg. Großherzog von Mecklenburg, welchem der betreffende Soldat angehört, hat an die Mannschaft dieses Regiments einen Erlaß gerichtet, worin er derselben auseinandersetzt, daß es Geistererscheinungen nicht gebe, und daß der Glaube an solche eines aufgeklärten Soldaten unwürdig sei. Das Verhalten deS verurtheiltcn „ Geist ' rsehers " wird in dem Erlasse getadelt und von den Soldaten Kaltblütigkeit und PerhorreSzirung eines jeden Aberglauben « erwartet. Der Erlaß hat auf die Mannschaft des genannten Regiments den besten Eindruck gemacht.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. August 1872, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/2924-gespenstische-erscheinung-in-der-wiener-hofburg-und-militaerische-1872).

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