Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NORDPOL IM KLATSCH

Schicksal der Nordpolexpedition in arktischen Gewässern ungewiss

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. April 1874 · Seite 9 · #Expeditionen
Von der Nordpolexprdition. Anderthalb Jahre sind verflossen, seitdem wir von jenen 24 kühnen und mutherfüllten Männern, die im Dienste der Wissenschaft unsere Flagge polwärtS zu tragen unternahmen, die letzte Nachricht erhielten. Vom 12. bis 21. August 1872 lag der, Tegetthoff ", der Dampfer, der diese 24 beherzten Männer durch die unermeßliche arktische Fluth tragen soll, und das kleine Schiff, mit welchem Graf Wilczek und der ( nunmehrige) Kontreadmiral Herr v. Stern eck auf eigene Faust in da weiße Meer steuerten, an der Nordwestküste Nowaja Semlijas Backbord an Backbord, getrennt nur durch eine riesige Eisscholle, welche die beiden Polfahrer auseinanderhielt und aneinander fesselte. Die Scholle brach, der „ Tegetthoff " verschwand in den Nebeln des großen GiSkapS, während Wilczek und feine Genossen sich südwärts wendeten und den Hafen von Archangel aufsuchten. Seitdem sind wir ohne Nachricht über daS Schicksal unserer Polfahrer. 3n den letzten November und den ersten Dezemberwochen deS gleichen JahreS umtosten den Erdball Cyklone und Orkane in enggeschloffener Kette; man konnte mit Sicherheit annehmen, daß in den arktischen Gewässern dieser Aufruhr der Elemente seine schrecklichsten Wirkungen äußern müsse, und man war besorgt um daS Schicksal deS kleinen Schiffes, welches diese stürmischen Tage, die auf allen befahrenen Meeren unzählbare Opfer forderten, Ln dem sturmdurchtobten, nachtumhüllten, unbekannten und unbefahrenen Polarocean zu überstehen hatte. Damals liehen Tausende dieser Brsorgniß Worte und erwogen alle die Umstande, die es hoffen ließen, daß ein gnädig Geschick den » Tegetthoff " mit seiner Besatzung ungefährdet aus diesem Kampfe der entfesselten Naturgewalten hervorgehen lassen werde. Ein Jahr später, im November und Dezember des vorigen JahreS, erwachten die Besorgnisse auf ' s Neue. Um diese Zeit sollten wir Nachrichten von der Expedition erhalten, wenn sie glücklich die sich vorgezeichnete Bahn beschiffte. 3m September hätte sie zum ersten Mate auf ihrer Fahrt an einer bewohnten Küste Anker werfen sollen, an der nordfibirischen Küste, und zwar wie im Vorhinein genauer festgesetzt wurde, beim Kap Tscheljuskin. Dort Hausen allerdings nur Samojeden und Eskimos, aber mit ihrer Hilfe könnte ein Mitglied der Expedition — das Schiff muß am Kap acht Monate überwintern — zur nächsten russischen Station, von da nach TobolSk oder einer anderen sibirischen Hauptstadt gelangen, um sich da mit Wien in telegraphischen Rapport zu setzen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. April 1874, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3320-schicksal-der-nordpolexpedition-in-arktischen-gewaessern-ungewiss-1874).

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