Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VORURTEILE GEWINNEN NEUEN RESPEKT

Eindrucksvolle Mittheilung über das Pensionat der Frauen Ursulinen in Innsbruck

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 9. Juni 1874 · Seite 9 · #Privatschulen
ISS. Eingesandt. (Das Pensionat der Frauen Ursulinen hier.) Oft trafen wir in verschiedenen auswärtigen Erziehungsanstalten für die weibliche Jugend Töchter von Familien ans Innsbruck. Wohl war es uns nicht unbekannt, daß manche Eltern eS vorziehen, ihre Kinder außerhalb der Vaterstadt erziehen zu lassen; allein nicht weniger bekannt war es uns, daß die meisten Eltern ihre Kinder nur nothgedrungen entlegenere Anstalten besuchen lassen. Dadurch entstanden in uns, wir gestehen es, nicht geringe Vorurtheile gegen das Pensionat der Frauen Ursulinen zu Innsbruck, von dessen Bestand wir unterrichtet waren. Als wir nun durch persönliche Verhältnisse zu einem längeren Aufenthalte in Innsbruck genöthigt, Gelegenheit hatten, uns eine nähere Kenntniß genannten Pensionates zu verschaffen, machten unsere Vorurtheile einer solchen Hochschätzung dieser Anstalt Platz, daß wir es für eine Pflicht der Gerechtigkeit halten, ihr öffentlichen Ausdruck zu geben. Nicht nur, daß die religiös sittliche Erziehung mit großem Takte geleitet wird *), ist die Vorstehung unausgesetzt *) In Betreff der hier erwähnten religiösen Erziehung im Pensionate der Frauen Ursulinen, sehen wir uns zu folgender Bemerkung veranlaßt: Kein Vernünftiger verkennt vie Nothwendigkeit und den Nutzen einer religiös sittlichen Erziehung — was ist am Ende alle äußere Bildung ohne die Veredlung des Herzens? — auch zweifelt Niemand am Eifer und guten Willen, der in dieser Beziehung in unfern von den frommen Ordensfrauen geleiteten weibliche » Instituten herrscht. - Damit aber der gute Zweck nach Möglichkeit erreicht werde, ist bei der Anwendung der Mittel auch hier, wie bei der Jugendbildung überhaupt, der goldene altbewährte Grundsatz nicht außer Acht zu lassen: „ Ne quid nimis! " ( ober in freier deutscher Uebcrsetzung: „Allzuviel ist ungesund! ") Gleichwie man in jeder verständigen Familie, also auch in gutgeleiteten Institute », darauf bedacht ist, den Kindern eine gesunde, einfache Nahrung zu verschaffen, um sie nicht körperlich zu verwöhnen, so hat man wohl auch, denken wir, in Bezug ans die geistige Nahrung die Bedürfnisse, sowie die natürlichen Anlagen und Kräfte der Jugend zu berücksichtigen. Durch Uebermaß und durch unpassende geistige Nahrung würde nur Ueberreiz und zuletzt Erschlaffung hervorgerufen werden. Nicht die bloße Vermehrung der religiösen Uebungen allein macht die Jugend schon wahrhaft religiös, sondern die sorgfältige Pflege des bereits durch lange Erfahrung Erprobten, indem man mit kluger Vorsicht daraus achtet, „ quid valeant humeri quid ferre recusent ", (waö die Schultern tragen können, und was sie zu tragen verweigern.) Ein Institut ist gleichsam eine große Familie; man muß daher, glauben wir, bei der Anwendung von religiösen Uebungen in den Instituten vor Allem dieö berücksichtigen, ob wohl die Zöglinge nach dem Austritte aus ihnen im Stande sind, dieselben weiter sortzusetzen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 9. Juni 1874, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3345-eindrucksvolle-mittheilung-ueber-das-pensionat-der-frauen-ursulinen-1874).

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