(Christdänme.) Die Sitte der Chrtstbescherung und der mit ihr Hand in Hand gehende Gebrauch der ChristbLume hat sich bei unS in verhältnißmäßtg kurzer Zeit rasch verbreitet und St. Nikolaus verdrängt, lohnt es sich ja doch schon seit mehreren Jahren, auf dem Stadtplatze einen förmlichen Christbaum. Markt zu halten, über den vielleicht manches waldfrohe Forstmanns - Herz bluten mochte, wenn er die Hoffnung des Waldes so schnöde auf Brettchen genagelt zum Verkaufe feilgeboten sieht. Die Reihe der Christbaumfeire beginnt mit der Bescherung im engen Familienkreise. Die Mutter, als geduldige Bötin deS Christkindleins, hat lange vorher schon gesammelt und eingeheimSt und in verborgenen Winkeln versteckt, was an jenem Abende — an dem so Viele, die schon lange die Kinderschuhe abgelegt haben, in der edlen Bedeutung deS Wortes mit den Kindern Kinder werden — Groß und Klein erfreuen soll. Der Tannenbaum hat in einem Hinterzimmer, geziert mit vielen wunderbaren Sächelchen und umsponnen von Golo und Sllberfäden gestanden, bis er hervorgeholt worden ist, und die bunten Kerzchen angezündet worden sind, deren Glanz nichts überstrahlt, als die Freude, die aus den uberseligen Kinderaugen leuchtet. Nach dem Poesie und weihevollen Familienabende folgen die zahlreichen Christbäume von Vereinen, Gesellschaften und Instituten. Wir können nicht diese zahlreichen Weihnachtsfeste, die heuer in unserer Stadt begangen Word n sind einzeln aufzahlen, hier sei aber eines der schönsten erwähnt, bei dem so recht die Lichtlein de « Tannenbaumes in zahlreichen glückseligen Kinderäugen wiederstrahlten, ' äs war die Christbescherung im Kindergarten zu St. Nikolaus, die gestern Abends 5 Uhr stattfand. Die Kleinen, über 40 an der Zahl, waren in einem Nebenzimmer versammelt, sie sangen dort einige Liedchen, erzählten auf Befragen der Tante, was sie von der Geburt des Christkindleins wußten und widerlegten so thatsächlich den Vorwurf der Religionslosigkeit der Kindergärten. Inzwischen ward der Baum angezündet und die Kinder zogen in das Zimmer, in dem der Wunderbaum strahlte; staunend und stumm umstanden sie ihn im Krerse und konnten nicht genug dieser Herrlichkeit durch ihre strahlenden Aeuglein aufsaugen. Nachdem sie in den Bänken an ihren Tischchen sich gesetzt hatten, wurden ihnen die Gaben des Baumes vertheilt: Lebzelten und Kuchen, WeihnachtSbrod, Nöffe, Aepfel und dgl. m. und jedem Kinde auch ein Christkindlein in der Wiege. Die Freude der Kleinen lohnte die Mühe derer, welche dieses Kinderfest veranstaltet haben, in erster Reihe der trefflichen Kindergärtnerin Fräulein Holzhammer und des um diese Anstalt sehr verdienten Bäckermeisters Herrn Silvester Ludwig. Es waren zahlreiche Zuschauer zu diesem Feste erschienen, das auch der Herr Bürgermeister mit seiner Anwesenheit beehrte.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 28. Dezember 1874, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3433-christbescherung-im-kindergarten-zu-st-nikolaus-mit-glueckseligen-1874).
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