Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KAISER OHNE FORTSETZUNG

Erörterung der Abdankung Ferdinands und Vorbereitung der Thronfolge Franz Josephs

Unterhaltung ^ - Blatt. Kaiser Ferdinand von Btsterrrich. (Schluß.) Wenn Sendschaften aus feinem » geliebten Tirol *, wenn ruthenifche und flovenifche Deputationen aus Ostgalizien und Krain, wenn militärische ErgebenheitS - Adreffe - ' auS Radetzk ' h Hauptquartier und aus der Garnison von Mantua eintrafen, dann war das wohl Balsam für sein bekümmertes Gemüth. Nunmehr trat aber noch die Abdankungsfrage in ihr drittes und entscheidendes Stadium. Windischgrätz legte nunmehr nach der Bezwingung Wiens und da der Hof in Sicherheit war, kein großes Gewicht mehr auf den Thronwechsel. Die Rolle eines Diktators gifiel ihm ganz gut und er schlug sich auf die Seite Derer, die da meinten, eS fei besser, vorher die Niederwerfung Ungarns zu vollenden, damit der neue Kaiser nicht mit einem Bürgerkriege seine Regierung zu eröffnen brauche. Jetzt aber drang sein Schwager Fürst Schwarzenberg bet der Berathung in Olmütz durch: » Nur auf dringenden Wunsch des Marschalls habe er daS Consail - Präsidium übernommen und seine Aufgabe lasse sich nicht mit Erfolg durchführen, wenn nicht ein Kaiser in der vollen Kraft seines Geistes und seiner Jahre den Thron einnehme. " Weffenberg, Stadion und Schwarzenberg ' s Faktotum Hübner, vermehrten jetzt die Zahl der Mitwiffenden. Auf Andrängen seines Schwagers übernahm eS der Marschall, bevor er zur Armee abgtng, auch von dem erzherzoglichen Paare die schriftliche Zusage dessen entgegenzunehmen, waS bisher nur mündlich verhandelt war. Der Erzherzog Franz Karl hatte um die Mitte des November sich neuen Zweifeln hingegeben, ob der verstorbene Vater Kaiser Franz auch mit feinem Schritte einverstanden fein würde. Erst als eS ihm nach langen Stunden mühevoller Erwägung schien, als lege der geschiedene Kaiser segnend seine Hand auf daS Haupt deS Enkels, war sein Entschluß unwiderruflich gefaßt. Um diese Zeit, Mitte November, brachte Schwarzenberg die Sache zum erstenmale im Ministerrathe zur Erörterung, der von da ab in fast täglichen Sitzungen die vorbereitenden Schritte diskuttrte. Da sich auS den StaatSfchriften nicht erweisen ließ, daß ein Monarch in Oesterreich mit dem vollendeten achtzehnten Lebensjahre majorenn werde, wie die Damen im Schooße der kaiserlichen Familie vorausgesetzt, beschloß man, jedem ferneren Schritte die GroßjährigkeitS - Erklärung deS Herrn Erzherzogs Franz Joseph voranzuschicken. War doch in diesem Punkte die größte Vorsicht geboten; ein Erzherzog von Oesterreich wird mit 16, ein König von Böhmen mit 14 Jahren volljährig
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 31. Juli 1875, S. 21, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3535-eroerterung-der-abdankung-ferdinands-und-vorbereitung-der-1875).

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