Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
210 BETTEN – UNENDLICH VIELE KRANKE

Bewilligung ebenerdiger Lokalitäten für die Polyklinik zum Wohle der medizinischen Ausbildung

Ueber Antrag deS Professoren - Kollegiums der medizinische » Fakultät hat das h. Ministerium mit Erlaß vom 15. v. M. die Mielhe der links vom SpilalS - Eingange befindlichen ebenerdigen Verkaufs und Magazins - Lokalitäten zur Unterbringung der Polyklinik auf Rechnung deS Studienfondes bewilliget und die Spitalleitungs - Kowmission hat sich in Erwägung, daß hiedurch der Fortbestand der medizinischen Fakultät wesentlich gesichert wird, einstimmig dafür ausgesprochen, an den Gemeinderath den Antrag zu stellen, daß die erforderlichen Lokalitäten des Spitalzinshäuser - Zwischengebäudes hiefür an das Unterrichts - Aerar vermiedet und selbe den betreffenden Miethparteien auf Georgi 1877 gekündet werden. Er empfehle diesen Antrag, welchen Herr Professor Dr. Albert näher zu begründen die Güte haben wird, zur Genehmigung. Herr Professor Dr. Albert bemerkt, daß das hiesige Spital nur für 210 Betten Raum biete uvd daher zu den kleinsten akademischen Spitälern zähle. Die Zahl der stationären Kranken sei stets im Zunehmen begriffen. An der chirurgischen Klinik, mit welcher die Abtheilung für Syphilis und Hautkrankheiten vereinigt war, befanden sich unter Professor Dr. Heine 430, 435, 427 Kranke, darunter 60 bis 70 Syphilitische oder Hautkravke. Nach Errichtung der eigenen shphilitisch dermatalogischen Klinik ist der Krankenstand an der chirurgischen Klinik - Abtheilung auf 460 bis 467 per Jahr gestiegen, und in der syphililisch dermatalogischen Klinik unter Professor Dr. Lang fanden sich per Jahr 125 bis 130 Kranke und Heuer bis 18. Oktober 1876 schon 154 Kranke ein. Für die Augenklinik waren 12 Betten in Aussicht genommen und jetzt genügen 40 Betten nicht mehr. Das gleiche Verhältniß tritt bet der medizinischen Klinik - Abtheilung ein uvd es wird sich dies stationäre Krankenwateriale von Jahr zu Jahr vermehren. Dieses Materiale reicht jedoch zur Ausbildung der Mediziner nicht aus. Der Arzt auf dem Lande ist nicht in der Lage, operative Fälle, wie sie im Stadtspitale Vorkommen, zu behandeln, es fehlen ihm die Instrumente und die erforderliche Assistenz, hingegen hat er akute Falle zu behandeln, die im Spitale weniger Vorkommen, als: Beinbrüche, Verrenkungen, akute Entzündungen, Abscesse, frische Derletzungen. So kamen z. B. im Spitale hier in einem Jahre nur 4 Beinbrüche zur Behandlung. Es ist Thatsache, daß derartige akute Krankheiten in Innsbruck und Umgebung viele Vorkommen, die Spitalsbehandlung aber in den seltensten Fällen in Anspruch genommen wird, weil die Bevölkerung eine gewisse Schene davor hat. Diese Scheue begründet sich aber durch die Lokalitätenfrage. Denn wenn auch Jemand wirklich den Muth hat, durch die verschiedenen nicht einladenden Gänge in die Ambulatorien des hiesigen SpitaleS zu kommen, wird er oft zur Umkehr gestimmt oder kommt ein zweites Mal nicht mehr. Das akute Krankheitswateriale kann nur die Bevölkerung der Stadt und der nächsten Umgebung liefern und daher ist eS nothweudig, diese Bevölkerung sympathisch für die Spitalsbehandlung zu stimmen. Dieser Zweck kann nur erreicht werden, wenn Lokalitäten beschafft werden, welche dem Publikum leicht zugänglich sind und bei welchem das Publikum sehen kann, daß diejenigen, welche ärztliche Hilfe suchen, seien sie arm oder verwöglich, selbe finden und ganz ohne Gefahr wieder herauskommen. Dies ist auch der Grund, warum eben die ebenerdigen Lokalitäten
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 30. Oktober 1876, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3682-bewilligung-ebenerdiger-lokalitaeten-fuer-die-polyklinik-zum-wohle-1876).

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