Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
MÄDCHEN OHNE WEITERE KLASSEN

Mangel an höherer Bildung für die weibliche Jugend in Innsbruck

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 15. Dezember 1877 · Seite 5
eine Lehrer und eine Lehrerinnenbildungsanstalt, eine Oberrealschule, ein Obergymnasium, und als Krone, unsere alma mater; ferner eine gewerbliche Zeichen und Modellirschule, eine Musikschule, militärische Schulen, der Ansatz zu einer Handelsschule, kurz Schulen in denen sich unsere männliche Jugend zu den verschiedensten Berussarten ausbilden kann; doch nicht so gut, ja geradezu gar nicht, gesorgt ist wie Jedermann auf den ersten Blick ersieht, wenn er obige Liste liest, für die weibliche Jugend, wenn sie einen über die 4klassige Volksschule hinausgehenden Unterricht genießen will. Durch die Umstände gezwungen, hat man zu einem, im Vergleiche zu den zahlreichen Gelegenheiten, welche den Knaben und Jünglingen zu ihrer weiteren Ausbildung hier geboten sind, als erbärmlich zu bezeichnenden Nothbehelf greifen müssen, uni die 8 Jahre der Schulpflicht für die Mädchen auszufüllen. Es wurden in der 3. und. 4. Klasse der Volksschulen Unterabtheilungen geniacht, in denen die Schülerinnen so lange sitzen müssen, bis sie ihrer Schulpflicht genüge geleistet haben. Daß diese Jahre bei aller Tüchtigkeit und Pflichttreue der Lehrerinnen für die Mädchen nur schlecht ausgenutzt werden können, ja zum Theile verloren gehen, daß sie bedeutend mehr lernen könnten, wenn sie von der Volksschule, statt in derselben mehrere Jahre in einen: Kurse verbleiben zu müssen, in eine höhere Schule übertreten könnten, bedarf wohl keines Beweises. Wer seine Töchter etwas mehr will lernen lassen, als sie an der Volksschule lernen können, wer ihnen nach vollendeter Volksschule vom 14. bis etwa zum 17. Lebensjahre noch weitere für das Leben sicherlich nothwendige Ausbildung will zu Theil werden lassen, der muß ihnen entweder Privatunterricht ertheilen lassen, oder sie in ein Institut schicken. Das zu thun ist aber nicht Jedermann in der Lage. In Würdigung dieses großen Uebelstandes haben s. Z. die Frauen Ursulinen ihre höhere Töchterschule errichtet. Doch ist dieselbe, wie wir hören gegenwärtig wegen Mangel an Lehrkräften, völlig ausschließlich nur eine Schule für fremde Sprachen, hilft also den: Bedürfnisse nach einer Mädchenschule in der nicht nur die Kenntnisse der Volksschule erweitert und vertieft werden, sondern auch eine allgemeine höhere Bildung gewonnen werden kann, nicht ab. Daß aber eine solche Schule für Innsbruck eines der dringendsten Bedürfnisse ist, werden sicher Alle einsehen, die sich nur einiger Maßen um die Unterrichtsverhältnisse in Innsbruck bekünunert haben. Woher soll aber Abhilfe eines solchen Bedürfnisses kommen, wenn unsere uni die Schulen so sehr verdiente Gemeindevertretung sich nicht darum annimmt, und eine höhere Mädchenschule errichtet. Alle, die ein Interesse an der Sache haben, und deren sind in Innsbruck sehr Biele, bauen ihre Hoffnung auf unfern Gemeinderath.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 15. Dezember 1877, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3851-mangel-an-hoeherer-bildung-fuer-die-weibliche-jugend-in-innsbruck-1877).

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