Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
PFLANZE MIT BALKAN-OPFER UND KLIMMERN

Blühende Seltenheiten aus dem Balkan und den Pyrenäen im botanischen Garten

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 27. Mai 1878 · Seite 4
(Die Besucher des botanischen Gartens) machen wir in der Sonntag und Donnerstag geöffneten Alpenanlage auf einige höchst interessante und schöne Blüthen aufmerksam, welche unter den gerade jetzt sehr zahlreich blühenden Arten ohne speziellen Hinweis von dem Nichtbotaniker vielleicht übersehen werden könnten. Wir heben da in erster Linie hervor eine in der Nähe der Quelle stehende, mit o. 3 6m. langen weiß und violett gezeichneten Blumen geschmückte Art des Rhodope- Balkans, Raderlea Rhodopensis Friv, welche außer ihrer Schönheit und Seltenheit auch dadurch von Interesse ist, weil sie den Namen eines Oesterreichers verewigt, ihres Entdeckers, des unglücklichen Botanikers H aberle, welcher bei dem Versuch die Pflanze zum zweiten Male zu sammeln, im Balkan von bulgarischen Wegelagerern erschlagen wurde. Die Exemplare, welche der hiesige Garten besitzt, — kein zweiter botan. Garten hat überhaupt blühbare Exemplare — verdankt er der außerordentlichen Liebenswürdigkeit des Kustos am National- Museum in Budapest Herrn Viktor v. Janka, welcher sie von den kaum zugänglichen Felswänden des einzigen Standortes im Balkan, auf demPferde stehend, herunterstach!; man sieht, daß das Botanisiren mitunter seine Schwierigkeiten hat. Eine zweite Seltenheit des Balkangebietes ist das leuchtend gelbblühende prächtige Lilium Jankae Kern, dessen Zwiebel der Garten demselben gütigen Geber derdankt. Neben berHaberlea zeigt die nur an einem Punkte der Hochpyrenäen beobachtete Dioscorea Pyreuaica Bord ihre unscheinbaren gelbgrünen Blüthchen. Diese Pflanze ist wissenschaftlich von größtem Interesse, weil alle übrigen Dioscoreen — die bekannten Bataten — ausschließlich Bewohner der Tropen sind und gegenüber unserer wenige Centimeter hohen Sorte oft Gewinde von 30 — 50 Meter Länge bilden. In schönstem Blüthenschmuck präsentirt sich auch jetzt die herrliche Primula amoena vom Kaukasus und als Letzte — aber wahrlich nicht Geringste — begrüßen uns aus unseren Alpen der schöne, leider fast überall ausgerottete Frauenschuh (Oypripedinm Calceolus), die schon stark im Verblühen begriffene Alpenrebe (Atragena alpina) mit Hunderten blauer Glocken und der Stolz Tirols — der Edelrauten (Artemisia Mutellina); bald wird auch das Edelweiß seine leuchtenden Sterne zeigen und damit der Blüthenflor seinen Abschluß erreichen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 27. Mai 1878, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3909-bluehende-seltenheiten-aus-dem-balkan-und-den-pyrenaeen-im-1878).

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