Der Raub er Sabinerinnen. Innsbruck, 6. Juni. j. g. Das Theater bot vorgestern einen festlichen Anblick. Unser für Förderung der edlen Tonkunst in Stadt und Land hochverdienter Musikverein beging die Jubelfeier seines 60jahrigen Bestandes durch Aufführung des oben bezeichneten Oratoriums von G. Vierling. War schon die opferwillige Mitwirkung nahezu sämmtlicher ausübender Musikkräfte Innsbrucks ein nur gerechter Zoll des Dankes und der Anerkennung gegen das heimische Kunstinstitut, so gestaltete die freudige und lebhafte Theilnahme unserer kunstsinnigen Bevölkerung am Festkonzert den 4. Juni zu einem wahren Ehrentage für alle Betheiligten. Der Kompositeur des Oratoriums selbst war in liebenswürdigster Bereitwilligkeit vom hohen Norden herbeigeeilt, um sein Werk persönlich zu dirigiren. Mit Lorbeerkränzen geehrt, vom Orchester mit Fanfaren und vom Publikum und Chor mit lauten Zurufen begrüßt, trat Herr Vierling ans Dirigentenpult. Man merkte sofort, daß die wackeren Truppen unter Direktor Pembaurs kundiger Leitung tüchtig geübt worden und von Nummer zu Nummer wuchs Interesse und Beifall. Weder der beschränkte Raum noch der Zweck dieser Blätter gestatten in die Einzelheiten des Werkes einzugehen. Dasselbe bekundet durchgehends den erfahrenen Meister der Töne, der seine klassischen Vorbilder tüchtig studirt hat und nicht blos mit Phantasie und Gefühl, sondern auch und vorzugsweise mit Verstand und Reflexion schafft. Die Glanznummern sind die Chöre, harmonisch, technisch und dramatisch fein und wirksam gearbeitet, und von eleganter Struktur. Ein Hauptvorzug dünkt uns auch die ebenso zweckmäßige als maßvolle Orchestrirung. Die Durchführung war eine verhältnißmäßig würdige und brave, besonders machten die Chöre ihre Sache vortrefflich. Herr Bohlig (Aunius) erwieß sich als schlachtenkundiger tapferer Sänger. Herrn Billungers mächtiges Organ war des Gründers Roms wohl angemeffen. Frl. Zahlfleisch überraschte durch ihren sinnigen dramatischen Vortrag, was ihr und ihrem Lehrer um so mehr zur Ehre gereicht, als ihr hier beim Mangel einer Oper ja keine Vorbilder zu Gebote stehen. Wir gratuliren dem Musikverein zu seinen schönen Erfolgen und wünschen ihm noch recht reiche immergrünende Lorbeeren.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 6. Juni 1878, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3917-jubelfeier-des-innsbrucker-musikvereins-mit-auffuehrung-des-1878).
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