Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SELBSTMORD MIT RETTUNGSVERSUCH

Selbstmord eines trunkenen Bauernsohnes in Aniras nach Streit und Schimpfereien

(Selbstmord.) Am Freitage Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr hat in Aniras ein gewisser Josef Nagiller, ein mehr als 40 Jahre alter lediger Bauernsohn, seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Er war im Allgemeinen als Trunkenbold bekannt und als gewaltthätiger Mensch gefürchtet. Bis 9 Uhr Vormittags hatte der Unglückliche mit seinen beiden Brüdern auf dem Felde gearbeitet, gerieth dort mit ihnen wegen Familienangelegenheiten in Streit und lief darauf fort ins Dorf, wo er beim Bierwirth und Kapeller Schnaps trank, trotzdem er schon etwas angetrunken war. Gegen % 12 Uhr Mittags kam Nagiller nach Hause und aß mit der 86jährigen Mutter und den beiden Brüdern zu Mittag. Während des Essens erging sich der Betrunkene in so rohen Schimpfereien, daß sich die Mutter, als er sich nach Tische zu Bette gelegt und die 2 anderen Brüder wieder aufs Feld zur Arbeit gegangen waren, aus Furcht vor ihm aus dem Hause flüchtete. Um 4 Uhr kehrte sie zurück, um die Kühe zu füttern. Da sah sie zu ihrem Entsetzen ihren Sohn auf der Tenne an einem Durchzuge aufgehängt. Sogleich lief die erschreckte Mutter zum Gemeindevorsteher und erstattete die Anzeige. Dieser jedoch hatte keine Eile, um vom Thatbestande sich zu überzeugen, und als er endlich erschien, da erklärte er, daß der Sohn so lange hängen bleiben müsse, bis die Kommission erscheine. Der Leichnam blieb dieser Anordnung gemäß auch wirklich hängen, bis am folgenden Morgen ein patrouillirender Gendarni denselben ablöste. Der Selbstmörder hatte aus der Schlafkammer ein großes Kruzifix nütgenomnien und es vor sich aus eine Hekselbank hingestellt. Zur Vornahme der Thal benützte er einen Stuhl, welchen er, nachdem er den Kopf in die Schlinge gesteckt hatte, umgeworfen haben muß. Der Körper hing ungefähr 2 Zoll über dem Boden. Aller Wahrscheinlichkeit nach machte er nach geschehener That noch Rettuugsversuche, denn er war mit der linken Hand hinter die Schlinge gefahren, welche etwas aufgezogen war. Zu bedauern ist besonders die hochbetagte Mutter in ihrem Schnierz über dieses schauerliche Familienereigniß.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 28. April 1879, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4016-selbstmord-eines-trunkenen-bauernsohnes-in-aniras-nach-streit-und-1879).

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