Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
HIMMELFLUG MIT MARMORGEWALT

Neues Marmor-Denkmal zur Himmelfahrt Christi auf dem St. Jakobser Friedhof

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 14. September 1881 · Seite 4 · #Grabstätten
Landeshaupt! chießstand. (Ein uenes und cm verschwundenes Monument auf dem Friedhofe.) Unser vaterländischer Künstler Malfatti in Mailand hat auf dem St. Jakobs- Friedhofe dahier, in der Oberer ' schen Arkade, einige Arkaden unterhalb der gräflich Lodron ' schen Begräbnisstätte, vie Aufstellung eines neuen Sculpturwerkes vollendet. Es stellt die Himmelfahrt Christi dar. Christus erhebt sich auf einer Wolke stehend mit emporgestreckter Linken und wie zum Spenden einer Gabe nach abwärts gerichteter Rechten in raschem Fluge, der durch das wehende Haar und wehende Kleider ang deutet ist, gen Himmel, während auf einem Felsen kniend Pet us unv Paulus ihm Nachsehen. Obwohl SauluS bekannter Maßen erst nach der Himmelfahrt ein Paulus geworden ist, so hat ihn der Künstler als einen Hauptrepräsentanten der Kirche dennoch diesem Acte beiwohnen lassen, da er den Gedanken zum Ausdrucke bringen wollte, wie der Sohn Gottes von seinem Vater den Segen über seine Kirche herabflehl. Das Denkmal ist in runden Figuren aus weißem cararischem Marmor ausgeführt, der sich von dem dunkelgrauen Marmor - Hintergrunte in angenehmer Farbenwirkung abhebt. Die Technik ist eine geradezu stupende: es ist als hätte der Marmor seine ganze Widerstandsfähigkeit unter dem Meisel und der Raspel des Meisters verloren. Diese Gewalt, welche die moderne italienische Schule über das spröde Materiale ausübt, verleitet sie aber die der Bildhauerei gesteckten Grenzen zu übersch. eiten und zu Maiern mit dem Meisel zu werden. Lessing würde vor einem solchen Kunstwerke bedenklich den Kopf schütteln u. viellleicht fragen, ob sein Laokoon noch nicht ins Italienische übersetzt ist? Die realistischeAuffassung des Künstlers, die schon sein Denkmal in der gräflich Lodron ' schen Gruft bekundet, ist in diesem neuesten Werke noch ein weites Stück vorgeschritten, und bei den beiden Figuren der Apostel sogar auf Kosten der Würde derselben. Es sind veritable orientalische Fischerknechte, wie sie noch heut zu Tage mit allen Spuren ihres schweren Gewerbes an den Ge adsn Palästina ' s existieren werden, ohne irgend eine Spur geistiger Erhöhung über ihr Handwerk, die man bei Männern, die zu einer religiösen und culturellen Mission von so weltgeschichtlicher Bedeutung auserkoren waren, verlangen muss, und zwar als eine Forderung eines Realismus höherer Art, denn auch das Geistige muss zum Ausdrucke kommen. Bewunderungswürdig sind die schwüligen, rauhen Arbeiterhände und aue Fasern der sehnigen, durch die schwere Arbeit i rer Fülle beraubten Körpertheile der beiden Apostel der Natur nachgebildet und die theilweise Decolletierung des Petrus sowie auch des Christus scheint uns nur motiviert, um dem Künstler Gelegenheit zu geben seine anatomischen Studien und seine Birtuositä zu zeigen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 14. September 1881, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4301-neues-marmor-denkmal-zur-himmelfahrt-christi-auf-dem-st-jakobser-1881).

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