Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VIEHMARKT MIT KASTANIENFLAIR

Niederndorfer Martinimarkt mit Kastanienbratern und tödtlichem Streit

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 18. November 1881 · Seite 4
(Vom M ' ^ rtluimarkt iu Niederndorf) wird uns berichtet, dass derselbe vom besten Wetter begünstigt, am Montag den 14. ds. stattfand. Derselbe war über alle Erwartung gut bestellt; besonders wurde schönes Hornvieh zum Verkaufe aufgestellt und fand auch Absatz, aber leider nicht in dem Maße, wie in früheren Jahren, wo die Vieh Aus und Einfuhr nach Baiern weniger umständlich war und wo dann die baierischen Nachbarn ihre Vieheinkäme in Unterinnthal besorgten und die Geldbeutel der Vtehbesitzer mit harten Thalern fpikten. Der diesjährige Martinimarkt beschränkte sich denn auch auf den Ort und die Umgebung. N. ben starken Gebirgscherden sah man auch junge Maulthiere, welche ein italienischer Händler zum Kaufe anbot; es scheint jedoch, dass sich die Bauern an der tirolibaierischen Grenze mit diesen kleinen widerspenstigen Zug und Lastthieren nicht recht befreunden wollen, denn der gute Mann hat kein Geschäft gemacht. Auch Krämer aller Kategorien hatten sich in großer Menge eingefunden. Es muss einen nur Wunder nehmen, wie jeder dieser Leute, welche mitunter weit herkamen, Auslangen finden konnte. Besonders beglückend für diesen Markt aber sind die Banden von Karnern, Kastanienbratern und Zigeunern. Mit Rücksicht auf diese Gattung Marktleute wäre es viel bezeichnender, diesen Markt anstatt „ Niederndorfer Vi hmarkt" „NiederndorferKastanienmarkt " zu nennen. Eine Unmasse von Kastanienbratern — das sind verpuppte Karner — beherrschen diesen Markttag. Dass diese Leute gerade nicht in der friedlichsten Stimmung miteinander leben, zeigte die auf den Markttag folgende Nacht, in welcher ein dieser Sippe angehörender Mann, o namens Gottlieb Singer aus Wörgl, nach vorhergegangenem Wortwechsel einen § Stich in den Unterleib erhielt. Er musste in das Spital nach Ebbs überführt Z werden, wo er auch nach einer Zeit von ungefähr 12 Stunden seiner Wunde erlegen ist Nach des Tages Mühen, d. h nach beendet m Markt war dann wie gewöhnlich in der benachbarten „ Sewi " Musik und Tanz. Die Zigeuner lassen ihre lustig feurigen Weisen ertönen und die stdele Gesellschaft, die sich dort zuiammenfindet und an welcher nicht Jedermann theilnehmen darf, improvisiert ihr Tänzchen, welches im Volksmunde als „ Karner - Ball " unter Jung und Alt bekannt ist. Was würde sich Herrn Steub ' s „ Rose von Sewi" denken, wenn sie wüsste, daß dieKarner nun auch anfangen Balle zu arrangieren?
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 18. November 1881, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4332-niederndorfer-martinimarkt-mit-kastanienbratern-und-toedtlichem-1881).

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