Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GORILLA MIT AKADEMISCHEN TRÄUMEN

Das Gorilla-Lied von Dr. Hoffmann aus Anlass des Anthropologen-Congresses in Frankfurt

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 19. August 1882 · Seite 29 · #Sprüche und Inschriften
Unterhaltende Beilage zu den „ Innsbrucker Nachrichten " Re. 189, Das Gorilla - Lied aus Anlass des in voriger Woche in Frankfurt a. M abgehaltenen Anthropologen ^ Congresses vom Director der Frankfurter Irrenanstalt Dr. Hoffmann, dem Verfasser des „ Struwelpeter ", gedichtet. Es glänzt in dem Mondesscheine Der Nyanzasee so still; Am Ufer auf moosigem Steine Sitzt finster ver alte Goritt. Er seufzet, die Haare zerrauft er, Zerkratzt sich die Brust mit Macht; Mit dröhnender Stimme dann schnauft er Den Jammer hinaus in die Nacht: O weh mir! was muss ich erfahren! O wüsst ' ich nicht, was ich nun weiß! Ich glaubte in besseren Jahren, Als Affe gehör ' mir der Preis; Da musste die Neugier mich prickeln! Unfel ' ger Erkenntnistrieb! Ich bin nur verpfuscht im Entwickeln, Ein Mensch, der da stecken blieb! Was war ' ich nicht Alles geworden! Groß war ' ich in literis; Ich war ' ein Professor mit Orden Und Hofrath, geheimer, gewiss! Ein Wurzelgräber der Sprachen, Da hätt ' ich den Urlaut erfaft ' t; Ich säße wohl gar mit Behagen Bei den Anthropologen zu Gast. Vierhändig mit tobendem Rasen, Wie hätt ' ich die Tasten zerwühlt, In Lisztischen Knallparaphrasen Mich trunken im Beifall gefühlt! Als Turner, wie hätt ' ich die Riegen Zerbläut und beschämt und verhöhnt, Bls dass man nach lustigen Siegen Mit Eichlaub das Haupt mir gekrönt. Ich Unglücksaffe! — Kreuz Wetter! Wer löst mir die Seelenqual? Da bracht ' es doch weiter mein Vetter, Der Mann im Neanderthal! *) O wär ' ich doch Zelle geblieben Im Urschleim, träumend still, Statt dass mich ein Teufel getrieben, Zu werden ein Jammergorill; Duchaillu, du Erster der Bande! Du Darwin, du nimm dich in Acht! Karl Vogt, du predigst im Lande, Und hast mich in ' s Pech gebracht! Ja, treff ' ich euch, Wahrheitsritter, So denkt ihr d ' ran, alle drei; Ich schlag ' euch die Schädel in Splitter, Das entwickelte Hirn euch zu Brei! Nur Eins noch vermag mich zu trösten, Versöhnend weht es mich an; Aus Zweifeln, aus nimmer gelösten, Zeigt es mir die rettende Bahn: Kein Aff ' ward zum Menschen geschaffen. Ich trag ' es bescheiden und still; Doch werden die Menschen oft Affen, Da bleib ' ich bequemer Gorill.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 19. August 1882, S. 29, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4414-das-gorilla-lied-von-dr-hoffmann-aus-anlass-des-anthropologen-1882).

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