5196 dem bezogenen Artikel ist wörtlich folgendes zu lesen: „ Im schönen Lande Tirol blutet dem Mitglieds des deutschen Vogelschutzvereins gar oft das Herz. Auf allen Landstraßen kann man den „ fahrenden Vogelhändler " mit seinem von Hunden und ihm selbst gezogenen elenden Karren, der nothdürftig mit einem Tuche bedeckt, den bejammernswertheu Kreuzschnäbeln, Gimpeln. Finken, Würgern und Kanarienvögeln, welche stets die vorwiegende Gesellschaft sind, wever Schutz gegen die sengende Sonne und den Staub, noch gegen Regen und Sturm bietet. Die Thierchen sind einzeln in winzigen Käfigen. Hinter dem Karren ziehen die Frau und die große Kinderschar und betteln ( in Tirol bettelt überhaupt ein Viertel der Bevölkerung). Nur ein Schönes haben diese Marterkarren: mit den prächtig gewachsenen Gestalten im nationalen Costüw bilden sie einen fesselnden Anblick und eine „ treffliche Staffage ". " Es würde uns zunächst interessieren, zu erfahren, ob Herr Friedrich Arnold überhaupt je in Tirol gewesen ist, oder ob er seine Weisheit aus Büchern geschöpft hat? Auf „ allen Landstraßen " hat er „ fahrende Vogelhändler " gesehen, welche bejammernswerte Kreuzschnäbel, Gimpel u. s. w. auf elenden Karren im Lande heruwführen. Das muss schon sehr lange her sein, dass das so gewesen ist; jetzt wenigstens ist von „ fahrenden Vcgelhändlern " in Tirol nicht viel zu sehen. Die „ Dörcher ", welche in des Herrn Friedrich Arnold „ trefflicher Staffage" zn erkennen sein dürsten, sieht man erstens nicht ans allen Landstraßen und zweitens handeln von diesen nur wenige mit Vögeln. Den Satz des gelehrten Entdeckers, dass „ in Tirol überhaupt ein Viertel der Bevölkerung bettelt ", weisen wir mit Entrüstung zurück!! Was Arnold Friedrich da sagt, ist kurz und bündig gesprochen: — eine Lüge!!! Der genannte Herr, der mit der Wahrheit derart umzuspringen versteht, bringt fick mit seinem Satze in Widerspruch zu Allen denen, die unser Land je besucht haben. Bon den Besuchern des Pusterthales, wo doch voriges Jahr eine so grenzenlose Roth geherrscht, und man einen Bettel eventuell hätte begreiflich gefunden, haben alle Reisenden ohne Unterschied der Nationalität in freudiger Uebereinstimmung constatiert, dass selbst dort der Fremde in keiner Weise von Bettlern behelligt wurde. Wenn es dem Herrn Arnold Zeit und Mittel erlauben, so soll er einmal hereinkommen in unsere Berge, —denn nach dem, was er über Tirol schreibt, ist er noch nicht dagewesen. Er wird dann erfahren, wie es mit seinem Viertel der Bevölkerung, welches bettelt, aussieht, und seine fahrenden Vogelhändler auf allen Landstraßen kann er sich auch anschauen. — Sehr rührend ist der Schlusssatz des bezogenen Aufsatzes. Dieser lautet nämlich: „ Schön ist freilich Tirol, und doch verließ ich das arme schöne Land, mich glücklich preisend, hier nicht ständig wohnen zu müssen. " Es ist immerhin traurig, wenn jemand gereist ist, was Herr Arnold von sich behauptet, ohne etwas dabei gelernt zn haben: noch trauriger aber ist es, wenn jemand, um zu verdecken, dass er von einer Reise nichts profitiert hat, die Unverschämtheit besitzt, sich auf den Lehrstuhl zu setzen und Unsinn und Lüge zu dotieren.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 6. Dezember 1883, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4560-kritik-an-falschen-schilderungen-tirols-durch-friedrich-arnold-1883).
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