Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SPRUNG IN DIE HILFE

Erfolgreiche Rettung zweier Wanderer nach Felssturz und langwieriger Suche

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 3. August 1885 · Seite 4 · #Alpinunfälle
endlich thurmhohe Wände Einhalt geboten. Nach längerem Hin« und Hersteigen, man möchte fast sagen, Hin und Herklettern, kamen sie zu einer beiläufig 7 m hohen Felswand. Hier entschloß sich einer der Wanderer, ehemals ein guter Turner, hinabzuspringen, damit nach seiner Ansicht wenigstens einer nach Zirl komme, um Leute zur Hilfe herbeizurufen. Der Sprung auf Leben und Tod gelang, und nach sünsstündigem Marsche kam der Herr, nachdem er noch vor Antritt desselben seinem Kollegen den Auftrag gegeben, bis Hilfe komme, nicht von der Stelle zu gehen, nach großen Anstrengungen mit angeschwollenen Füßen und gänzlich zerschundenen Händen um halb 9 Uhr abends im Widum zu Zirl an. Ueber Anregung des Herrn Pfarrers machten sich noch um halb 10 Uhr abends drei tüchtige Bergsteiger auf den Weg, um den andern Herrn zu suchen. Obwohl ihnen vom Geretteten mit Hilfe einer Generalstabskarte genau der Ort angegeben wurde, wo sie den zurückgelassenen Kollegen finden könnten, waren die drei Männer doch nicht imstande, denselben ausfindig zu machen, und kamen des andern Tages, nachdem sie die ganze Nacht unter großen Gefahren herumgestiegen waren, circa um 10 Uhr vormittags nach Hause, ohne ein Resultat erzielt zu haben. Unterdessen hatten sich noch drei andere Männer, mit noch genaueren Instructionen ausgerüstet, auf den Weg gemacht, um weitere Nachforschungen zu pflegen. Nach etwa vierstündigem Marsch, unter fortwährendem Jauchzen und Rufen gelang es, von dem Gesuchten ein Zeichen seines Daseins zu erhalten und nach weiteren I V » Stunden über fast unzugängliche Felsen und Schluchten zu ihm zu gelangen. Nachdem der Gefundene sich mit etwas Fleisch, Brod und Wein erquickt hatte, was sehr nothwendiq war, da er seit vorigen Tages 8 Uhr morgens, mit Ausnahme einiger Beeren, weder Speise noch Trank genossen hatte, erzählte er ihnen, daß er schon jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben und sich gedacht habe, sein College fei verunglückt; auch erwähnte er, wie ihm um 10 Uhr abends und um 4 Uhr morgens drei Gemsen einen Besuch abgestattet und ein Fuchs seine nächtliche Wanderung bei ihm vorbei gemacht habe. Nach beiläufig einstündiger Rast wurde aufgebrochen, um die Anhöhe zu erklimmen. Nach I Vr Stunde?, gelang es, unter großen Anstrengungen und Gefahren, den Grat zu erreichen, und nach einer weitern Stunde zum sogenannten Oberbachwasser, einer der besten Quellen, zu gelangen. Hier trafen dann noch andere, auf die Suche ausgeschickte Männer ein, darunter auch der Gendarmerie - Wachtmeister, Herr Osner aus Zirl, welche vorsichtshalber eine andere Richtung eingeschlagen hatten. Natürlich wurde dem prächtigen Wasser wacker zugesprochen und gewiß im Stillen dem lieben Gott für diese Perle aller Getränke bestens gedankt. Nachdem man sich auch mit etwas Speise erquickt hatte, wurde nach Zirl aufgebrochen, wo die Gesellschaft nach b Uhr abends glücklich ankam.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 3. August 1885, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4714-erfolgreiche-rettung-zweier-wanderer-nach-felssturz-und-1885).

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