Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STOFF, SCHMOREN UND SCHLUMMERN

Die Sprache der Vagabunden – ein reiches Vocabularium der Kunde

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 6. November 1886 · Seite 7
„ Pachulke " führt. Für Wein hat die Vagabundensprache kein eigenes Wort, der Traubensaft ist nicht commentmäßig, während das Bier „Stoff " und der Schnaps „ Soruff " genannt wird. Bier trinken bezeichnet der Kunde mit „ Stoff schmieren ", Schnaps trinken mit „ schmoren. " Will er etwas warmes Essen, so verlangt er „ Pikus " und dazu gewöhnlich „ Rundling " ( Kartoffel); „ Schwimmling " bezeichnet einen Häring, „ Unvernunft " eine ordinäre Wurst. Hat der Kunde genügend „ Schlummerpech " ( Schlafgeld), so „schlummert " er im „ Sänstling " ( Bett), fehlt ihm dasselbe, so „ macht er platt " ( schläft im Freien), oder er „ macht auch Kaif ", d. h. er borgt auf seine Papiere oder die „ Rande " ( Bündel) das Schlafgeld so lange, bis er durch Betteln so viel zusammengebracht hat, um das Versetzte wieder auslösen zu können. Nur im äußersten Nothfalle „ schenigelt " ( arbeitet) der Kunde, übt dann aber auch seine „ Kunst " nur möglichst kurze Zeit aus und „ giebt dem Meister Schuß " ( kündigt). „ Tippeln " ( Landstreichen) ist des Kunden Lust, und wenn es leicht geschehen kann, „ zoddelt " ( stiehlt) er auch. Wie wenig Freude er an seiner „ Religion " ( Handwerk) hat, dafür geben die Bezeichnungen, welche er für die einzelnen Handwerker gewählt hat, Zeugnis. So nennt er den Barbier „ Schaber ", den Bäcker „ Lehmer ", den Bierbrauer „ Elementenfärber ", den Destillateur „ Giftmischer ", den Hutmacher „Kopfschuster ", den Müller „ Klapperschütz ", den Seiler „ Galgenposamentier ", den Schlosser „ Katzenkopf ", den Schneider „ Stichler ", den Weber „ Schundläppchen ", den Maurer „ Dr... schwalbe " und sofort mit Grazie. Hiemit glaube ich dem geduldigen Leser wohl genug „ geschmust ", d. h. in der Kundensprache erzählt zu haben, um zu beweisen, daß das Vocabularium unserer Vagabunden durchaus kein armes ist.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 6. November 1886, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4877-die-sprache-der-vagabunden-ein-reiches-vocabularium-der-kunde-1886).

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