Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NEUE STIMMEN, VOLLE PRÄCISION

Erfolgreiche Aufführungen am Nationaltheater in Innsbruck

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 19. September 1857 · Seite 5
K. K. National - Theater in Innsbruck. (Eingesendet.) Die von der neuen Direktion unseres Nationaltheaters seit dessen Er« öffnung gegebenen Vorstellungen zwingen uns, ohne in eine Detail - Kritik einzugehen, dennoch einige Worte über das bisher Gesehene zu sagen, um nicht nur die Leistungen der Darsteller im Allgemeinen zu beleuchten, sondern auch denjenigen Theil des Publikums, welcher es noch immer verschmäht, die neuen Zustände zu würdigen, ein Wenig aufmerksam zu machen, wie Unrecht es sei, Bemühungen nickt zu unterstützen, deren Zweck es zu sein scheint, unserer Bühne eine Stellung zu geben, zu welcher sie berechtiget wäre, und die sie jetzt um so mehr einnehmen sollte, da sich unsere Hauptstadt der Anwesenheit höchster Personen zu erfreuen hat. Möge man unsere Offenheit entschuldigen, aber für Vorzügliches darf man Opfer nicht scheuen, besonders wenn diese sich nur auf alte Mißbräuche beziehen, deren Fortbestand mit den jetzigen Forderungen im schreiendsten Mißverhältniß stehen, und jeder Billigdenkende wird uns gewiß beipflickten, wenn wir behaupten, daß nur durch allgemeines Zusammengreifen des Publikums sowohl als einer tüchtigen Direktion, Gutes in diesem Fache auf die Dauer erreichbar ist. — Und nun zu unserem Referate: Webers bekannte, beliebte, auf den größten Residenz - Bühnen mit Schwierigkeiten gegebene Oper » Der Freischütz « eröffnete den Reigen und wurde wahrhaft gut aufgeführt: das Orchester unter der Leitung des tüchtigen Kapellmeisters Müller hielt sich wacker und bewies, was ein kräftiger Dirigent auszurichten vermag — die Chöre frisch und präcis fanden allgemeine Anerkennung und die einzelnen Mitglieder berechtigen zu vielen und guten Hoffnungen. Die Tragödie » Narciß «, ein Produkt der Neuzeit, wurde mit einer Präcision gegeben, welche man Vollendung nennen kann; Jneinandergreifen der Schauspieler — Arrangement und Toilette ließen nichts zu wünschen übrig, und gaben das glänzendste Zeugniß für die Leistungsfähigkeit unserer Direktion, die uns bei dieser Gelegenheit in Herrn Binder einen ausgezeichneten Narciß vorführte. »Steffen Langer «, ein Original - Lustspiel von Charlotte Birch - Pfeiffer gab uns Veranlassung, nebst den bekannten wieder neue Kräfte kennen zu lernen. Der Erfolg, den Herr Jäger, der Träger der Titelrolle und Frl. Lang, Klärchen Buren, sich errangen, ist der beste Beweis für die Tüchtigkeit der beiden Genannten, und die überaus ehrenvolle Anerkennung des Publikums um so schmeichelhafter, als dasselbe nicht stark vertreten war, es somit nicht eine Wirkung en masse genannt werden kann, sondern jeder Einzelne befriedigt schien. Leider fand Herr Binder an diesem Tage wenig Beschäftigung, und wenn Herrn Kläger die Wahl zwischen dem Herzog von Choiseul und dem Leibeigenen Wasilowitsch feisteht, so möge er sich abgesehen aller irdischen Vortheile für den ersteren entscheiden, da er als Werkzeug der Jntrigue wirksamer war, denn als selbstständiger Jntriguant. Frl. Borger ( Darscha) gab ihre kleine Rolle mit Wärme, Herr v. Kochanski ( Seiler Buren)
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 19. September 1857, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/520-erfolgreiche-auffuehrungen-am-nationaltheater-in-innsbruck-1857).

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