Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BLUTIGE WUNDER IN RAEDEIN

Blutschweiß an Freitagen – Bericht über die sogenannte „Heilige“ von Radein

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. August 1889 · Seite 6 · #Wunder
Die Keitige von Wcrdein. Das ungefähr 2 Stunden von Cavalese gelegene Dorf Radeiu ist seit einiger Zeit ein nicht wenig genannter Ort geworden. Eines der zerstreut liegenden Häuser beherbergt eine 30 jährige kranke Jungfrau, namens Angelika Darocca, von der es heißt, daß sie am Freitag Blut schwitze und die von dem massenhaft zuströmenden Volke als La Santa di Radein bewundert wird. Jüngst hat der Arzt Dr. L. Sartori von Cavalese im „ Bolletino " des Trientiner Aerztevereines einen Bericht über den Zustand dieser hysterischen exstasischen Kranken veröffentlicht, der die Aufmerksamkeit weiterer Kreise und auch der Behörden aut den Gegenstand gelenkt hat und der in der Uebersetzung lautet: Vor zwei Jahren wurde ich einmal in jenes Haus zur Mutter der „Heiligen " geholt, die an einem Krebsleiden erkrankt war; aber bei meinen damaligen zwei Besuchen wurde mir nicht gestattet, die „ Heilige " zu sehen, und ich wurde ihrer nur ganz flüchtig ansichtig durch die Spalte einer Thüre, welche halb geöffnet war und sogleich geschlossen wurde. — Glücklicher war ich in dieser Beziehung am 15. März heurigen Jahres; ich wurde an diesem Tage nach Radein zu einem Bruder der Darocca gerufen ( der jedoch nicht im gleichen Hause mit ihr wohnte), und den ich an thraumatischer Bauchfellentzündung mit Blutbrechen erkrankt und in einem solchen Zustand fand, daß ich in meiner Prognose dem Armen nur mehr höchstens zwei Tage Lebensfrist in Aussicht stellen konnte. Dieser 15. März war Freitag, ein Tag, an dem mehr Leute zur Darocca kommen, als an anderen Wochentagen, weil ( mit geringer Ausnahme) an allen Freitagen des Jahres von einer Mitternacht zur andern die Exstase und der Blutschweiß der „ Heiligen" einzutreten pflegen. Jenen Freitag waren jedoch blos 7 oder 8 Personen da, übrigens auch dies eine verhältnißmäßig große Zahl in Anbetracht der schrecklichen Kälte und des durchdringenden Sturmwindes, der gerade herrschte. Trotz Külte und Wind wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, an einem so günstigen Tage die „ Heilige " zu sehen und bat, daß man mich in ihr ungefähr eine halbe Stunde entferntes Haus führe, um die überraschende und für einen Arzt äußerst interessante Erscheinung der Haemati-
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. August 1889, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5246-blutschweiss-an-freitagen-bericht-ueber-die-sogenannte-heilige-von-1889).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Kuriositäten & Alltagsleben“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |