Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TABAK ALS GESCHMACKSGEMISCH

Vortrag über die chemischen Wirkungen des Tabaks beim Rauchen

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 17. März 1890 · Seite 7
Behandlungsweise beim Sammeln der Blätter und in den Fabriken geht ein größerer Theil vom Nicotin und Nicotianin verloren, während die Mineralbestandtheile noch vermehrt werden. Die Größe des Nicotingehaltes allein macht aber ebensowenig die Güte der Cigarre aus, als der an Alkohol reichste Wein unbedingt der beste sein muß, denn das Aroma hängt noch von zahlreichen andern Stoffen ab. Beim Rauchen der Zigarren finden zwei entgegengesetzte Vorgänge statt. Die eigentliche Verbrennung geht bei genügendem Zutritt von Sauerstoff von sich, erzeugt keine sichtbaren Verbrennungsgase, sondern hauptsächlich nur Wasser und Kohlensäure. Der Rauch rührt von der trockenen Destillation her. welche bei Sauerstoffmangel stattfindet und verschiedene threrartige, schwer sich verflüchtigende und sauerstoffarme Stoffe entroickelt. Als Erzeugnisse des ganzen Verbrcnnungsvorgangcs finden wir daher Wasser, Kohlensäure, Kohlenoxyd, das bei der Vebrennung frei werdende Nicotin und Nicotianin, Schwefelwasserstoff, Ammonium, Essigsäure, Ameisensäure, Blausäure und andere organische Säuren, Pyridin und verschiedene Verbindungen. Daraus erklärt sich die Wirkung des Tabaks. Während Nicotin und Nicotianin als Narcotica ( Betäubungsmittel) wirkW, entzieht das Kohlenoxyd durch seinen Einfluß auf den rothen Blutfarbstoff, den hauptsächlichen Träger des Sauerstoffs, dem Organismus den Sauerstoff und wirkt lähmend. Blausäure scheint sich in zu geringer Menge unter den Ver- Lrennungsprodukten zu finden, um von besonderem Einfluß zu sein. Das Pyridin hingegen erzeugt Erschlaffung der Muskeln, Zittern, Eingenommensein des Kopfes, kalten Schweiß u. s. f. Das Vorhandensein dieser wirkenden. Stoffe wurde von dem Vortagenden mit Hilfe eines sirnreichen, selbstrauchenden Apparates nachgewiesen. Während der fortgesetzte längere Aufenthalt in rauchigen Räumen, sowie übermäßiges Rauchen, das den Narcotismus erzeugt, sehr gesundheitsschädlich wirkt, ist doch der Tabak bei mäßigem Gebrauch das unschädlichste Narcoticum.. Die Bedeutung des Tabaks als Genußmittel findet der Vortragende in seiner Wirkung als sehr gelindes Betäubungsmittel, welches das Nichtsthun erleichtert und über körperliche und geistige Empfindlichkeiten weghilft. Von den alkoholischen und vielen narcotische » Genußmitteln unterscheidet es sich vortheilhaft dadurch, daß es nicht zur Zerstörung des Individuums führt, und daß die Abgewöhnung davon mit Leichtigkeit gelingt, da der Organismus die plötzliche Entziehung des Tabaks ohne weitere Gegenwirkung verträgt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. März 1890, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5297-vortrag-ueber-die-chemischen-wirkungen-des-tabaks-beim-rauchen-1890).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Wirtshäuser, Hotels & Kuranstalten“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |