Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SONNTAGSSÜNDEN UND BAUERNSCHICKSAL

Diskussion um Einhaltung der Sonntagsruhe und kirchliche Anschauungen in der Staatssitzung

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 5. November 1890 · Seite 6 · #Tirol und die Kirche
Als erster Punkt der Tagesordnung erscheint der Antrag des Dechanten Schenk, betreffend die Einflußnahme der Regierung zur Einhaltung der Sonntagsruhe und Heiligung Derselbe wird vom Antragsteller vom Standpunkte der Religion und Sittlichkeit, der geistlichen und leiblichen Wohlfahrt des Volkes, der Familie, der mißlichen Ueberproduktion begründet. Zum Schluffe macht der Redner noch auf die große Gefahr aufmerksam, die der Gesellschaft durch Entstebung eines Bauernproletariats erwachsen würde, was innig mit der Entheiligung der Sonntage zusammenhienge In formeller Beziehung stellt Dechant Schenk den Dringlichkeitsantrag, worüber jedoch nicht abgestimmt wird, da die Zuweisung des Antrages an ein Comitä nicht beantragt ist. Dr. v. Wildauer stellt seinen und inner Gefinnungsgenoffen Standpunkt in dieser Angelegenheit dar, woraus hervorgeht, daß die Linke nicht dafür stimmen kann. Hauptsächlich sind es die Parität der Confessionen und die Unzulässigkeit, die Festtage sämmtlicher Confessionen für die ganze Staatsbürgerschaft geltend zu erklären. Redner ist der Ansicht, daß durch die Wirksamkeit der Kirche, das religiöse Gewiffen und die öffentliche gute Meinung ein mehr zufriedenstellender Zustand geschaffen werden könnte Fürstbischof Simon Aichner bedauert lebhaft, daß gerade gegen die Sonntagsheiligung so vielfach gesündigt werde. Die genannten Hindernisse seien keine unüberwindlichen. Es müßten ja nicht von allen Confessionen die Festtage gehalten werden, nur keine Störung des Gottesdienstes dürfe Vorkommen, und dagegen schütze das interkonfessionelle Gesetz. Die Kirche und Geistlichkeit Hab in dieser Angelegenheit das Ihrige zur Genüge geleistet. Dechant Gl atz meint, es wäre wohl nicht die Befürchtung vorhanden, daß die Regierung nach Annahme dieses Antrages sofort mit neuen Gesetzen hervortretm werde. Sodann wendet sich Redner gkgen daS Staatsgesetz, in welchem den Anschauungen der Kirche aller Confessionen zuwider eine andere Zeitdauer der Sonntagsruhe normirt sei. Hiedurch kämen die Arbeiter in eine Eollision der Pflichten. Es sei gewiß sehr bedenklich, daß man sich mit solcher „ Unverfrorenheit " über die Anschauungen der Kirche hinwegsetzt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 5. November 1890, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5389-diskussion-um-einhaltung-der-sonntagsruhe-und-kirchliche-1890).

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