Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BRANDSTIFTUNG UND VATERKLAG

Brandstiftung und Verdorbenheit: 16-jähriger Lehrjunge vor Gericht gezogen

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 11. September 1891 · Seite 7 · #Brandstiftung
vertrat undDr. Pesendorfer die Vertheidigung führte. Des genannten schweren Verbrechens angeklagt, erscheint Johann Pircher, 16 Jahre alt, Tischlerlehrjunge aus St. Nikolaus hier. Die Anklage geht dahin: 1. Pircher habe am 5. April d. Js. ungefähr Vz7 Uhr abends im Stöcklgebäude, Maria Theresienstraße Nr. 6 hier, die in dem unterhalb der Tischlerwerkstätte gelegenen Keller befindlichen Hobelspäue in Brand gesteckt Das hiedurch entstandene Schadenfeuer hat der Eigenthümerin des Tischlereigeschäftes Johanna Schöpfer einen Schaden von mindestens 30 fl. verursach '. Dasselbe hätte entschieden weitere Ausdehnung genommen, wenn es nicht rechtzeitig entdeckt und nach 2 % ständiger anstrengender Arbeit der Feuerwehren gelöscht worden wäre; 2. der Angeklagte habe am 8. April d. Js. abends in einer Schublade einer Hobelbank in der obgenannten Tischlerwerkstätte befindliche Hobelspäne und Holzstückchen angezündet, wobei das Feuer sich hätte verbreiten können, wenn es nicht von selbst erstickt wäre; 3. derselbe habe am 9. April d. Js. abends in der der genannten Tischlerwerkstätte gegenüberliegenden Holzhütte der Johanna Schöpfer das dortselbst aufgeschichtete Holz in Brand gesteckt, infolge dessen ist das Feuer wirklich ausgebrochen und hätte sich leicht weiter verbreiten können, wenn es nicht rechtzeitig entdeckt und ohne dass nennenswerter Schaden angerichtct gelöscht worden wäre; 4. ist Pircher noch angeklagt, seinen Vater Josef Pircher wegen des angedichteten Verbrechens der Mitschu ' d an der Brandlegung bei der Obrigkeit auf solche Art beschuldigt zu haben, dass diese Beschuldigung zum Anlasse obrigkeitlicher Untersuchung wider denselben diente. Diese 4 Anklagepunkte stützen sich auf nachfolgende Gründe: Der Angeklagte, Johann Pircher, der in seinem elterlichen Hause nicht » Gutes gesehen hat und dessen Erziehung gänzlich vernachlässigt worden ist, kam in seinem 10. Lebensjahre zum Krämer Stanislaus Larch in St. Margarethen bei Schwaz, in welch ' letzterem Orte er auch die Schule besuchte. D >. r Bursche war ganz verdorben und sein Ziehvater sagt, dass er zu ihm als „ rechter Lump " kam, dass er wenig folgsam, wenig arbeitsam, hinterlistig, tückisch und rachsüchtig war, so dass er ihm öfters bei seinen Mahnungen prophezeite, dass er noch in das Zuchthaus kommen werde. Den Burschen zu bessern ist aber trotz aller angewandten Sorgfalt nicht gelungen. Anfangs Februar d. Js. holte die Mutter, Agnes Pircher, ihren Sohn Johann in St - Margarethen ab, um ihn hier ein Handwerk lernen zu lassen. So kam er zuerst zum Steinmetz Linser in die Lehre, aber da er durchaus Tischler werden wollte, wurde er über Ansuchen seiner Mutter um Mitte März d. Js. im Geschäfte der Johanna Schöpfer als Lehrjunge ausgenommen. Er erhielt dort reichliche Kost und nach dem Abendessen konnte er nach Hause gehen. Trotzdem bebagte es ihm nicht und dürfte es wohl seine Arbeitsscheu hauptsächlich gewesen sein, d e ihm die Brandfackel in die Hand drückte, um die game Werkstätte niederzubrennen und ihn von der ihm so lästigen Arbeit zu befreien. Pircher war übrigens nur auf 6 Wochen in die Probe genommen. Da er für die Tischlerei gar kein Interesse und kein Talent zeigte, wurde dessen Mutter bereits am 5. April vom Geschäftsführer Karl W. Simon darauf aufmerksam gemacht, den Burschen zu einem anderen Geschäfte zu geben und nur über Bitten der Mutter ließ sich der Geschäftsleiter herbei ', es noch ein paar Wochen mit dem Burschen zu probieren. Am 5. April nun bot sich dem Angeklagten nach seinem eigenen Geständnisse, eine günstige Gelegenheit zur Ausführung seines teuflischen Planes. Nach dem Nachtessen wurde Pircher nämlich in die Werkstätte geschickt, um einen vom Gehilfen Johann Ebner vermissten Stock zu suchen, und als sich sein Begleiter Alois Bichler aus derselben entfernte, schützte er vor, noch auf den Abort gehen zu müssen,
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. September 1891, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5480-brandstiftung-und-verdorbenheit-16-jaehriger-lehrjunge-vor-gericht-1891).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Brände & Feuerwehr“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |