Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VÖGEL FREI, HERZEN FESSL

Vogelerfest zu St. Katharin in Fulpmes mit feierlichem Zug und Befreiung der gefangenen Vögel

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 1. März 1893 · Seite 6
halten Rast auf dem Gipfel einer Tanne. Doch ach! Die hinterlistigen Fulpmer haben dort in luftiger Höhe Leimruthen gestellt und der Herr Kreuzschnabel muss seinen Liebestraum um Weihnachten im kleinen, eisen vergitterten Käsig uns Menschenkindern besingen. Da klettert er wohl auf und ab und sein Leiden, seine Sehnsucht nach den kristallfunkelnden Zweigen ruft er leise — leise durch die warme Stube! Wir gefühlvollen Menschen jedoch lauschen beinahe andächtig dem heimwehathmenden Liedchen und freuen uns der Klagen des Vögleins! Seit Jahrzehnten sind die Bewohner von Fulpmes als große „ Vogeler ", d. h. Vogelfänger bekannt und wird dieses Vergnügen „ sportweise" betrieben. Doch Ehre, wem Ehre gebürt! Es gibt kein Morden der befiederten Sänger, nur die besten derselben werden eingesperrt. Sämmtlichen Weibchen wird die Freiheit sofort geschenkt, d. h. den „ Krummschnabelweibchen ", nicht etwa denjenigen in Schürze und Mieder. Alljährlich um „ St. Kathrcin " wird der Fang „ officiell" eingestellt und da gibt es ein gar lustiges „ Vogelerfest ". Nachmittags 2 Uhr erwartet bei der „ Rutzbrücke " die Dorfmusik die Vogelfänger, welche zum letzten Male „ ausgezogen " waren. Heute wurde alles behalten, was aus den Leim gesessen, aber nur zum Zwecke, um später im Garten des Platzwirtes unter den Klängen der Musik frei gelassen zu werden. Jedes menschliche Fulpmer Wesen, welches noch über zwei Füße gebieten kann, harrt in den Straßen des Dorfes, welche der sonderbare Zug passiert, der Dinge, die da kommen. Endlich — endlich werden die Hälse lang gereckt, ein fernes „ Bum, bum tschinderada " ertönt und die geflügelten Worte: „ Sie kommen, sie kommen" gehen von Mund zu Mund. Und in der That, da nahen sie! Voran die übrigens gute Ortsmusik, deren Kapellmeister anstatt des „ Tambourmajorstabcs " einen Stecken trägt, an dessen Spitze sich im taxkranznmwundenen Käfig ein blutrother „ Krumpschnabel" schaukelt. Solche kranzgeschmückte Käfige, von den Vogelern geschwungen, sind in Menge vorhanden. Dann folgen die Männer mit den Fangapparaten, alles geziert mit Blumen nnd Bändern. Als wäre es der Triumphzug des Germanicus, so ernst und feierlich schreiten die Theilnehmer nach dem Takt der Musik. Das Ziel des Festzuges ist der Platzwirt, selbst ein eifriger „ Vogeler ". Heida! entwickelt sich hier im Garten ein sonderbares Treiben. Drei große Tannenbäume prangen in der Wiese unter dem Schankgarten. Die „ Vogeler " mit ihren Gefangenen eilen die Anhöhe hinan, welche sich ober dem Gasthause hügelartig hinzieht, während die Männer mit den Fangapparaten in feuerwehrmäßiger
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. März 1893, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5666-vogelerfest-zu-st-katharin-in-fulpmes-mit-feierlichem-zug-und-1893).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Vereinsleben, Feste & Brauchtum“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |