Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
DONNER UND METTWETTER IM GOTTESNAMEN

Volksauffassungen über Wetterphänomene im Hochsommer Tirols

—. — 110 itol. Lire G. sN. 46. 07 Vs Wellerläuten nnd Meltersegne « m den Alpen. Von Ludwig v. Hörmann. Nachdruck verboten. Wenn in Tirol im Hochsommer die Leute auf dem Felde Korn schneiden und es macht über ihren Köpfen im Gewölle einen „ Brummer ", so mag es wohl sein, dass eine der Schnitterinnen sich mit der Schürze den Schweiß abwischt und aufschauend meint: „ Hoi, unser Herrgott thut Korn führen! " und wenn gerade um dieselbe Zeit die Bäuerin am Herde Nocken kocht, so sagt sie gewiss zum kleinen Thunichtgut an ihrer Schürze: „ Hörst, Seppele, die Engel Kegel scheiben? " In der Schweiz „rollt Gott Vater Brenta ( flache Milchgefäße) über d ' Kellerstiega ", in Mittelkärnten „ schüttet der Himmeltatte Korn in den Grant " ( Getreidekasten). während er im Möllthale „ Heu über die Tennenbrücke führt. " Schlägt der „ Wetterstrahl" gar ein, so ist die „ Tennenbrücke gebrochen. " Solche und ähnliche Aeußerungen, die auf die altheidnische Vorstellung vom Donnerwagen Thür ' s und seinem niederschmetternden Streithammer Mjölnir zurückgehen, gebraucht indes das Volk gewöhnlich nur dann, wenn untertags ein harmloses vereinzeltes Donnern sich hören lässt. Ganz anders urtheilt es vom eigentlichen Gewitter, ich meine von jenem durch wochenlange Schwüle gezeitigten, von zündenden Blitzen, orkanartigem Sturm, Schauer und Wolkenbrüchen begleiteten, meist nächtlichen „ Hochwettern ", die oft stundenlang über dem Thale lagern, die Nacht zum Tage machen, die stärksten Bäume entwurzeln und den Wildbach entfesseln, so dass der geängstigte Landmann glaubt, der jüngste Tag sei über die Gegend hereingebrochen. Man muss eine solche Gewitternacht in einem Hochthale mitgemacht haben, um die ganze Furchtbarkeit dieser Naturerscheinung zu begreifen. Was Wunder, wenn der Bauer mit Bangen die pechschwarzen Wolkenballen an den Bergkämmen sich sammeln und dumpfrollend nahen sieht, besonders wenn sie aus
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. Juli 1895, S. 8, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5920-volksauffassungen-ueber-wetterphaenomene-im-hochsommer-tirols-1895).

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