Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
MODE IM GÄNGELBAND DER GESCHICHTE

Ursprung der Fontanges-Frisur und die wechselvolle Geschichte der Frauenmode

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. Juli 1895 · Seite 33 · #Kleidung, Tracht und Mode
Juli. Gin Jahrhundert Frauenmode. Plauderei von Hippolyt. Eines schönen Tages befand sich Ludwig XIV. j mit seiner Geliebten, dem Fräulein von Fontanges. I auf der Jagd. Bei dem wilden Rille löste sich j die Frisur der Dame auf. und sie sah sich genötigt, j den Locken ihre natürlich ' Freiheit zu lassen und j sie nur mit einem Bande zusammenzuhalten. Diese flatternden Reize entzückten ihren königlichen Liebhaber de maßen, dass er sie bat. ihre Haare in dieser Form zu belassen. Am nächsten Tage erschienen Dutzende von Hofdamen mit frei wallenden. von einem Bande umschlungenen Haaren, und eine neue Mode war entstanden: die Frisur Fontanges. Aber, um mit Göthe zu reden, gerade darum zieht uns das Ewigweibliche hman. Eben diese entzückende Launenhaftigkeit, diese unerschöpfliche Erfindungsgabe bildet den vornehmsten Reiz der Geschichte der Mode; und der ewige Wechs l, d r den Ehemann schreckt, ist von dem weniger kostspieligen Standpunkte des historischen Betrachtens ein Borzug. Diejenigen, die sagen, die Mode s i dumm, sind tüchtig auf dem Holzwege. Sie ist klug, raffiniert klug, und verfolgt ihr einziges Ziel: zu gefallen, häufig mit einer verblüffenden Kühnheit. Und das Drollige ist, dass dieser anscheinend fessellose Springinsfeld Mode schließlich doch von der ernsten und feierlichen Dame Geschichte am Gängelbande geführt wird, an einem lockern Bande frellich, das aber doch sist genug ist, um sie in den Sitten und Anschauungen der jeweiligen Epoche festzuhalten. Darin eben besteht die raffinierte Klugheit der Mode, dass sie ihre Mittel, zu gefallen, mit echt weiblicher Schmiegsamkeit immer nach dem herrschenden Geschmacke der Zeit wählt. Sie glaubt zu schieben und sie wird geschoben, und wird unbewusst und unvermerkt ein manchmal bizarres und verzerrtes, manchmal aber auch sehr getreues und scharf s Spiegelbild der Sitten oder Unsitten und ihrer Wandlungen. Gehen wir um ein Jahrhundert zurück. Französische Republik; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; das Alterthum ( eine etwas unklare Mischung von Römerthum und Griechenthum) das erhabene Vorbild. Gehoriam folgt die Mode: auch sie macht Revolution, sie bricht mit dem auoieu regime, sie holl sich ihre Vorbilder aus dem Alterthume. Aber niemals vielleicht hat die Mode die innere Unwahrhaftigkeit einer Gesellschaft deutlicher bloßgelegt, als in die er Epoche Antike Sittenstrenge war das officielle Motto der Republik, zügelloser Lebensgenuss ihre praktische Philo-. sophie.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. Juli 1895, S. 33, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5922-ursprung-der-fontanges-frisur-und-die-wechselvolle-geschichte-der-1895).

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