Thür und Thor. Ein Blatt ulturgeschichte von Curt v. Zelau. Wenn an Ihre Thür geklopft wird und Sie „Herein " rufen — ist Ihnen dabei nie eingefallen, dass Sie einem uralten Brauche folgen? Ich möchte wetten, das nicht Und doch ist die ' e Gewohnheit so alt, dass sich deren unwillkürliche Uebung fast durch die Vererbungstheorie erklären ließe. Seit dem Bestehen von menschlichen Wohnungen hat es auch Eingänge zu denselben, Thüren gegeben; bei den prähistorischen Pfahlbauten eben sowohl, wie bei den Höhlen der Troglodyten. Diese ältesten Wohnungen, denen sich auch noch das Zelt des Nomaden und die erste Lehmhütte anfchließen ließen, dürften wohl allerdings nur ganz offenstehende, oder leicht zu verdeckende E -. n gänge gehabt haben. Die T ür, welche die Behausung verschließt, bezeichnet bereits einen Culturfortschritt, und zwar zunächst im Sinne des Rechtes; denn in ihr drückt sich ohne Zw. ifel eine schäl sere Abgrenzung des Eigenthums aus. Im Vergleiche zu dem offenen od r leichlverdeckten Eingang erschwert sich der Zutritt. Sie mag bei Völkern auf niederer Culturstufe, wo sie auch die Stelle der Fenster vertritt, dazu dienen, gegen die Urbill des Wetters, wie gegen das Eindringen von Raubthieren zu schütz n, doch ist sie auch dazu da, dem Menschen, der als unliebsamer Eindringling die Heimstätte eines anderen betreten wollte, eine Schranks zu ziehen Dass schon die bloße Möglichkeit der Abschließung einer Behausung auch der Hebung der moralischen Eigenschaften eines Volkes förderlich sein wird, bedarf keiner näher « n Erörterung. Die große cultrrrelle Wichtigkeir von Thür und Thor wird man aber erst dann erkennen, wenn man berrachtet, was kür eine bedeutende Rolle ihnen in der Entwicklungsgeschichte der Völker zugefallen ist. Doch um zunächst aus die Beantwortung der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es schon in der Bibel im Evang Luc. II. Cap. heißt: „ Klopfet an. so wird euch aufgethan. " Der mit Crerubim gezierte Pmpurvoehang, welcher in die Stif: Shütte das Allerheiligste, das de Bundeslade birgt, von dem Borraume trennt, weist ans das Bestreben hin, das Gottgeweihte vor den profanen Blicken des Volkes abzuschließen. Demselben Zwecke dienen unsere verschließbaren Sacramentshäuschen und Tabernakel, die Altargitter und endlich die Kirchenthüren welche namentlich in älteren Zeiten unberufene Besucher von dem Gotteshause fernhalten sollten. Verwandte Einrichtungen dieser Art finden sich übrigens auch bei den hellenischen Tempeln, wo die Vorhalle (Pronaos) von der eigentlichen Zelle ( diaos) durch eine große Thür getrennt war und von denen ewzelne, namentlich bei mysteriösen Culten, besonders abgeschlossene Sanctuarien enthielten; ähnlich waren die römischen Tempel gestaltet. Bei der Moschee ze gt sich die durch das Thor gekennzeichnete Abgrenzung zwischen der profanen Außenwelt und dem Heiligthum des Gotteshauses beinahe am schärfsten; der Elntrctende darf das Innere nicht ohne vorhergegangene rituelle Waschung betr cken und muss vor der Schwelle seine Schuhe ablegen. Vertrat ursprünglich bei der jüdischen Stiffshütte noch der Vorhang ( die Portiere) die Stelle der Thür, so weist der Salomonische Tempel letztere bereits zugtfügt auf, und Stufen, „ Wendelsteine ", führten zu demselben empor.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 23. August 1895, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5943-kulturgeschichtliche-betrachtungen-ueber-thuer-und-thor-von-curt-v-1895).
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