Neuester Zeit hat man die Näbmaschine erfunden und sie bedroht eines der ausgedehntesten Gewerbe und eine der alltäglichsten Beschäftigungen mit einer gänzlichen Umgestaltung, ja sie wird nicht ohne Wirkung auf die bäuslichcn Gewohnheiten bleiben. Wer wird seine Tochter künftighin zur sittsamen Beschäfgung am Nähtische anhalten, wenn die Maschine schneller, besser und billiger die Wäsche herstellt? Wer wird seinen Knaben zum Schneidermeister in die Lehre auf mehrere Jahre geben, wenn jener binnen drei Tagen die Maschine leiten lernt, welche in einem Tage mehr leister, als die von einem Mädchen oder einem Manne geführte Nadel in einigen Monaten. Man sage nicht, so weit sind wir » och nicht, die Maschine kann Dies oder Jenes nicht verrichten, sie kann die menschliche Hand nicht ersetzen. Das sagte man bei jeder Erfindung, selbst Napoleon wollte nicht glauben, daß die Dampfkraft Schiffe treiben könne Vor einigen Jahren brachte man die ersten Nähmaschinen nach Wien; das Prinzip war für sie gesunden, es war entschieden, künstigbin herrscht die „ eiserne Näherin « in der Werkstätte. Doch sah man ibr die Anfängerin an. Wie ganz anders ist jetzt die Nähmaschine. Ihre Arbeitfähigkcit ist eine höhere, ihre Form eine andere, selbst der Grundgedanke ist gewissermaßen ein neuerer, als bei der amerikanischen Maschine, denn der Mechaniker, ein Slave, aus der Krain, Namens Gorentschitz, nahm sich bei der technischen Ausführung seiner Idee die Strumpfwirkmaschine zum Vorbilde. Durch dritthalb Jahre nabm ihn seine Erfindung in Anspruch, ehe sie vollkommen gelang, und seit dritthalb Jahren hat er bereits mehr als 200 seiner Maschinen in die Welt gesendet. Herr Gorentschitz, der in Wien sein Domizil bat, verbreitet seine Maschine, indem er sie in den größeren Städten zeigt und von ihrer Arbeitsleistung durch den Augenschein überzeugt. In Bödmen sind bisher 13 seiner eisernen Schnellnäherinnen; 5 davon werden beim Militär verwendet, die anderen batten sich Mädchen in Königgrätz und Horazdowitz u. s. w. angeschafft. Die Nähmaschine kostet 250 fl. CM. Auch die Herren Kleidermacher hätten nun reiflich zu überlegen, ob sie die Maschine haben müssen, um ihren bisherigen Standpunkt zu bewahren, oder ob sie glauben, daß sie noch entbehrt werden kann.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. Juni 1858, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/607-die-eiserne-naeherin-rasche-verbreitung-der-naehmaschine-durch-den-1858).
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