Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
OSTERKUNST AUS WACHS UND COCHENILLE

Verschiedene Verzierungsweisen der Ostereier in Slawenland und Deutschland

Das Beste in der Verzierung des Ostereies wird ohne Zweifel bei den Slaven geleistet, obwohl auch hier diese Kunst im Abnehmen begriffen ist und vielfach nur noch von den Alten ausgeübt wird. In Russland, Rumänien und Griechenland werden aus freier Hand mit Hilfe einer feinen Blechröhre die Ornamente, welche weiß bleiben sollen, mit flüssigem Wachs ausgezeichnet. Darauf wird das Ei roth gefärbt. Nun werden wieder die Partien mit Wachs überzogen, die roth bleiben sollen, und darauf wird das Ei schwarz gefärbt. Nachdem das Wachs durch Erhitzen entfernt ist, hat man rothe und weiße Verzierungen auf schwarzem Grunde. Ein zweites Verfahren ist das Färben des Eies mit einer Farbe und das Einkratzen des Ornamentes mit einer scharfen Spitze. In Südrussland verwendet man meist regelmäßige geometrische Figuren zur Verzierung, seltener jedoch Thiere, unter denen wieder der Hahn das beliebteste ist. Die Lausitzer Wenden, ehemals große Künstler in der Ausschmückung der Ostereier, tragen d s Muster in flüssigen Wachs mittelst Stecknadelköpfe auf das rohe Ei, rochen Farbstoff liefert die Cochenille, gelben die Zwiebelschalen, schwarzen die Erlenkätzchen und blauen das Farbholz Eine besondere Art der Verzierung ist seit ältester Zeit in den Haveldörfern Tiefwerder und Pichelsdorf gebräuchlich. Hier beklebt man das ausgeblasene Ei koncentrisch mit Binsenmark und befestigt daneben in gewissen Zwischenräumen Stückchen bunten Papiers und Metallflitter. Diese Fertigkeit wird hier wohl noch lange erhalten bleiben, da die so verzierten Eier den Besuchern des Grunewalds um die Osterzeit angeboten und von ihnen gerne gekauft werdm. In Vorpommern sind stellenweise auch noch bunt verzierte Schwanen und Gänseeier als Ostereier gebräuchlich. Im übrigen droht dem Naturosterei die bedenkliche Concurrenz des Kunstproduetes der Zuckerbückerei, und diese wird wohl schließlich den Sieg davontragen und jenes verdrängen. Dafür hat diese neue Form des alten Symbols das Verdienst, dem sinnigen Brauch den Weg zum sonnigen Süden, bis nach Unteritalien und Sicilien, ja bis nach Tunis hinab, gebahnt zu haben. Selbst Frankreich, wie es den Weihnachtsbaum des verhassten Prüssiens über sich ergehen lassen musste, ist dem deutschen Osterhasen mit seinem Eiernest zum Opfer gefallen, ohne d m Mund zu einer patriotischen Klageweise zu öffnen. Bevor wir das Osterei verlassen und uns seinem mythenhasten Erzeuger zuwenden, sei noch eines recht poetischen Glaubens der Ruthenen gedacht. Diese feiern am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern einen außerkirchlichen Festtag, das Nachmanenostern, an dem jegliche Feldarbeit ruhen soll. Die Rachmanen sind geheimnisvolle Wesen, halb Mensch und halb Fisch, oder Zwerge, und wohnen weit unten am Ende der Flüsse. Sie sind sehr tugendhaft, wissen aber nicht, wann auf Erden Ostern gefeiert wird. Daher werfen die Gläubigen die Schalen der am Osterfest verwendeten Eier in die Gewässer. Nach 25 Tagen gelangen sie in das Gebiet der Rachmanen, welche offenbar die verbannten heidnischen Ostergötter darstellen, und dann feiern diese dort und mit ihnen die Ruthenen das Fest noch einmal. Bei den galizischen Ruthenen wirst man die Schalen der kirchlich geweihten Eier auch auf die Dächer, um gegen Feuersbrunst geschützt zu sein. Auch diese offenbar recht alten, sowie ähnliche in ganz Europa verstreute Anschauungen sprechen gegen die Herstammung des Ostereies aus Ostasien. Wie gelangt nun aber der Hase in die Verbindung mit dem Osterei? Freund Lampe soll das Thier der Ostara, der Göttin des aufsteigenden Lichts, der Hulda oder Frau Hark, gewesen sein und als Sinnbild der Fruchtbarkeit, des Kindersegens, gegolten haben. Auf den Bildern der Nehalennia werden nach Simrock auch Hasen als Opfer gebracht. Aus Hasen bestand Frau Harkes Herde, und sie trugen der Hulda auf ihren nächtlichen Wanderungen Lichter voraus. So die Mythologen. Aber die Ostara, so annehmbar sie auch als ehemalige Frühlingsgottheit erscheint, ist doch eine recht willkürliche und durch nichts bezeugte Gelehrtenconstruction, und ihre Verwandtschaft mit Hulda und Harke, ebenfalls ziemlich nebelhaften Gestalten, durch nichts erwiesen Dagegen ist der Hase in der Verbindung mit dem
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. April 1897, S. 14, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6148-verschiedene-verzierungsweisen-der-ostereier-in-slawenland-und-1897).

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