Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KRÖNUNG MARIENS AUS DEM EISEN

Aufgedecktes Frescogemälde aus dem 14. Jahrhundert in der Franciscanerkirche in Lienz

(Aufgedecktes Frescogemälde.) Aus Lienz wird dem „ Tiroler Boten " geschrieben: Mit vieler Mühe war es dem Kunstfreund Pater Guardian Basilius Ruedl hier Heuer möglich, unsere Franciscanerkirche mit Decoratiousmalereien zu schmücken. Bei der Ausführung dieser Arbeiten stieß man an manchen Stellen, besonders des gothischen Gewölbes im Presbyterium auf übertünchte Fresken. Als vor einigen Tagen der Hochaltar freigemacht wurde, löste sich zufällig ein Stück Mörtel von der dahinter stehenden Wand los. Dadurch wurde ein Theil des Fresco- Seite 3. Nr. 181. g mäldes sichtbar. Obgenannter Kunstfreund löst^ unermüdet eine mehr als 10 Millimeter dick^ Kalkschichte los und hatte das Glück, ein Pracht volles, gut erhaltenes Frescogemälde gefunden zu haben. Dasselbe stellt die Krönung Mariens dar. Unter einem reichverzierten gothischen Giebel erblickt man den heiligen Geist in Menschengestalt mit ausgebreiteten Flügeln hinter einem Betschemmel sitzend, und auf dem Schemmel die Krone liegend. Zu seiner Linken sitzt Gottsohn, in der Hand die Weltkugel haltend, zu feiner Rechten aber Gottvater, der der vor dem Schemel knieenden Gottesmutter ein prachtvolles Scepter reicht. Die drei göttlichen Personen tragen auch, was sonst kaum gesehen wird, großen weißen Vollbart. Zu beiden Seiten des Bildes stehen musicierende Engel. Der Sockel des Bildes trägt die Symbole der Evangelisten. Das Gemälde ist circa 3 Meter breit und 5 — 6 Meter hoch. Die Figuren haben nahezu natürliche Größe. Unsere einheimischen weitbekannten Künstlergrößen Pro fesfor Defregger in München, und Prof. Gaffer Bildhauer in Wien, legen dem Gemälde großen Knnstwert bei und erklären es als ein Meisterstück des 14. Jahrhunderts. Da im Jahre 1349 Gräfin Euphemia von Görz, geborne Gräfin von Mötsch, Gemahlin Alberts III. von Görz, und ihre zwei Söhne Meinhard VI. und Albert IV. hier ein Karmeliterkloster gründeten, das — nach Staffier — noch im selben Jahre vom Papst Clemens VI. bestätigt wurde, und dessen Ban sammt dem der anstoßenden Maria Himmelsahrts kirche im Jahre 1350 zur Ausführung kam. geht aus dem Gesagten hervor, dass das erwähnte Gemälde höchst wahrscheinlich ursprünglich als Altarbild diente und als Ueberbleibsel der 1350 erbauten gothischen Kirche zu betrachten ist. Die Kirche wurde in den Jahren 1592, 1609, 1722 und 1798 theilweise oder beinahe ganz durch Feuer zerstört, immer aber wiedr hergestellt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. August 1897, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6205-aufgedecktes-frescogemaelde-aus-dem-14-jahrhundert-in-der-1897).

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