Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KUNSTLICHE SCHÖNHEIT ÜBER DIE EPOCHEN

Künstliche Schönheit und ihre kulturellen Ausprägungen bei den Frauen der Welt

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 23. Oktober 1897 · Seite 17
Beilage zu den „ JurrSdrucker Stachrichien " Atr. SLL am SS. Oetober Künstliche Schönheit. Von Dr. Reinyart Thilo. (Nachdruck verboten.) Horaz, der sicherlich ein ebenso guter Menschenkenner wie Dichter war, hat in einer berühmten Satire die Erscheinung behandelt, dass die Menschen stets mit dem, was ihnen beschieden ist, unzufrieden zu sein Pflegen Schade, dass er dabei galant und klug zugleich, die Damen aus seiner Darstellung sortgelassen hat; interessanten Stoff hätten sie ihm wohl geboten. Freilich ist es im allgemeinen vielleicht weniger Besitz, Ehre und Macht, was ihren Neid heraussordert; um so reichlicher aber pflegt sich ihre Unzufriedenheit an dem zu bethätigen, was ihre eigenste Gabe und Auszeichnung bildet: an der Schönheit. So weit die Erde Frauen trägt und die Geschichte uns Frauenleben zeigt, finden wir auch das Bestreben, die Natur durch künstliche Schönheit zu ergänzen oder sogar zu corrigieren. Das ist nun ein ethnographisch und psychologisch sehr interessantes Capltel, in dem sich Humor und Bizarrerie höchst pikant mischen; und ganz besonders merkwürdig ist dabei, wie sich die Schönen der verschiedensten Länder und Rassen in diesem Punkte berühren. Die sehr sorgfältigen Forschungen von Ploß und Bartels, der besten Kenner der Eulturgeschichte und Ethnographie der Frau ( „ Das Weib ", Leipzig, Grieben Fernow. ö. Aufl. 1896), haben für solche Vergleiche einen sicheren Grund gelegt. — Naheliegend und begreiflich ist der Gedanke, der Natur nachzuhelfen. Dazu war die Farbe immer das beliebteste Mittel. Nur gehen „ die Geschmäcker " hier, wie überall, darin, was nun eigentlich als Sie vollendete Schönheit anzusehen sei, unendlich aufeinander. Die bekannte Mischung von Milch mib Blut ist das Ideal der Europäerinnen. Aber die Tyrannin Mode variiert diese Auffassung. Es ist zuweilen bon ton sich „interessant ", d. h. bleich zu schminken, zeitweis herrscht eine mehr rusticale Neigung vor und die Damen der feinen Welt malen sich nach dem Modelle draller Bauerndirnen. Andere Völker sind consequenter, oder sagen wir: conservativer. Für den Indianer ist die Kupserfarde des Körpers die harmonischeste Farbenschöpfung der Natur und er drückt diesen Geschmack durch rothe Bemalung seiner Rothhaut aus. Den Gegensatz bilden die Japanerinnen, deren vielgerübmte Poesie, wie Loti sehr hübsch geschildert hat, für den Europäer eine wesentliche Einbuße erleidet, wenn er ihr Gesicht küssen will und es mit einer dicken Schicht weißer Schminke bedeckt findet. Nun erstrecken sich ja aber die malerischen Leistungen der schönheitsdurstigen Frauen bekanntlich nicht
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 23. Oktober 1897, S. 17, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6228-kuenstliche-schoenheit-und-ihre-kulturellen-auspraegungen-bei-den-1897).

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