Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VON HOLZKREISELEN ZU GEHEIMNISVOLLEN FEDERN

Zur Geschichte und Kunst des Kinderspielzeuges in verschiedenen Völkern

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 18. Dezember 1897 · Seite 9
sich mit der schweren Kugel aus Holz begnügen, ja in vielen Ländern war ihnen auch die Freude an der vollendeten Rundung des Holz. baLes nicht immer gegönnt Dafür hatten sie Bälle aus Wolle und aus Schilf, die zuweilen dm Vorzug der Buntheit hatten. In ältegyp tischen Gräb. n bat man auch Bälle aus ^ Fayence und aus Leder mit Häcksel gefüllt, gefunden Der Schilfball mag wohl recht ungeschickt gerollt sein, aber d e jauchzende Freude des Fellichenkndes war sicher darum nicht geringer. Später machte dem Voll ein and res Bewegungsspielzeug lebhafte Concurrenz: der gute, alte, usiichsalls ganz internationale Kreisel. Auch er findet sich von der rohestm Form bis zur beinahe künstlerischen Ausffihrung — wie z. B bei den immer gestickten Japanern, deren rothlackierte, mit Gold zierlich geschmückte Kreisel einen sehr gefälligen Anblick l efern. Auch in Bezug ans den Kreisel ist es unserer alles eir st ir. enden Zeit Vorbehalten geblieben, mit einer seit Tausenden von Jahren stabilen Ueberlieferung zu brechen. Der alte Holzkreisel wurde zum Blechkreisel und die treibende Kraft, so lanuk immer ein Kinderärmchen, ist jetzt eine geheimnisvolle Feder geworden. Nicht zum Vortheile des K ndes! Unsere übercuttivierte Zeit Übersicht in ihrem Bestreben, immer wieder Origmelles zu bieten, die einfache Thatsache, hass das Spielzeug das Kind zur Selbsttnätigkeit ouffordem, nicht ihm als müßigem Z. schauer derartiges geben soll Sehr zeitig stellt sich beim Kinde das Verlangen nach Gegenständen ein. die die Erscheinungen der Wirklichkeit nachahmen. Es gibt übrigens hierin das genaue Spiegelbild der Ent- Wicklung der frühesten Kunst der Naturvölker, in der sich gleichfalls sehr zeitig der Drang zur Nachahmung der Wirklichkeit äußert So treten wir denn in das große Reich der Wagen und Häuser der Bäume und Kirchen — um zunächst be ' m Unbelebten zu bleiben - Solcher Nachahmungen haben sich nun nicht alle Kinder erfreuen können Es gehört schon eine gewisse Kunstfertigkeit dam, die der Indianer vielleicht nicht besitzt, vielleicht auch auf diesen Zweck nur ungern und ausnahmsweise verwendet. Diese Kunstfertigkeit zeigt sich z. B in einem altegyptischen Wägelchen, auf dem zwei Vögel, wenn auch roh, geschnitzt sind. Ganz besonders deutlich tritt sie wieder in China und Japan hervor, w wir unter dem Kinderspielzeug überaus fein bergesiellte Modelle von Küchengegenständen, Tbee können. kleinen Gestellen, Tabletten u. s w. finden. Dabei mag ein Wort über die höchst interessante Eigenart des Spielzeuges dirser ostasia tischen Völker überhaupt gestaltet sein Das japanische Kind ist nach unserem Gefühle recht wenig Kind — es ist ein kleiner Erwachsener. Es ist, drollig genug, gekleidet wie ein Erwach sener; es lernt sehr zeitig sich halten und betragen, gehen und sprechen wie die Großen und w rd überhaupt in seiner kindlichen Würde zu einem spaßigen Bilde der Erwachsenen. Und so trägt auch das Spielzeug ganz den Charakter von Kunstgegenständeu von Erwachsenen für Erwachsene und nur das Minialu formal kennzeichnet es als Kmderwerk. Der Hauch des Kindlichen fehlt darum dem japanischen Spielzeug; ab r wie reizend machen sich diese zierlichen, auss feinste durchaesühtten Metall und Lackarbeiter! Da sehen wir eine Eierpsannr von einer Subtilität, die erstaunlich ist, eine Rechenmaschine, an der jedes Kügelchen auf das sorgfältigste gearbeitet rst, einen Schreibkasten, in dem ' jeder Deckel mit besonderen ftmeren Verzierungen geschmückt ist. Ja, das Kind ist sich gleich geblieb n, aber die Geschichte seines S ielverks ist zugleich eine Culturgeschichte der Erwachsenen Doch kehrm wir zu unseren Nachahmungen der Natur zurück. Gute alte Pappschachtel, ia j der zum erstenmale eine Schäferei unterm Weih j nachtsbaum unser unbeschreibliche Entzücken er - \ regte — wie bist du veraltet! Der freilich etwas j prrmitive pyramidenähnliche Baum hat längst j einem sorgfältigeren Baumschlag ( um künstlerisch ' zu sprechen) Platz machen müssen, Kirche und f Haus und die Hundehütte sogar sind soro fälliger s durchafsühit, und, v nn man genauer zusieht, so? entdeckt man lü r und da sogar — Stil. Ja, [ in den achtziger Jatzren ist einmal eine Puppen j stube hergkftellt worden,
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 18. Dezember 1897, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6251-zur-geschichte-und-kunst-des-kinderspielzeuges-in-verschiedenen-1897).

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