Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VON GEHEIMEN GESÄNGEN ZU BACH

Ursprung und Entwicklung der Passionsmusik anlässlich der Bach-Aufführung am 28. März

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 17. März 1899 · Seite 10 · #Alte Musik
Beilage p den „A uttsdeAckee Machrichten " Ne. 63 am 15 » März. P rssionsmusik. Die am Chardienstag den 28. d. M. stattfindenl ' e Aufführung der Matthäus - Passion von I. Seb. Bach bietet den passenden Anlass, Ursprung und Entwicklung dec Passionsmusik überhaupt in kurzer Ueberschau zu beleuchten. Die ersten Bekenner des Christenthums, die Ebioniten, versammelten sich insgeheim nicht nur an iLonn und Festtagen, sondern auch während der ganzen Charwoche, um diese Tage der Trauer erbaulicher Betrachtung des bittern Leidens und Sterbens des Erlösers zu widmen. Nach Art der Psalmen des altert Testamentes wurden die Geheimnisse des neuen Bundes den ersten Christen in Gesängen zu Gemüthe geführt und es war in der Natur des Gegenstandes gelegen, dass die Worte des Heilandes in sanfter, dennoch mildfester Sangweise, die Erzählung des Evangelisten von einer klaren, ausdauernden Summe, die Ausbrüche des Hasses der über den neuen Messias empörten Synagoge wie der seelenvolle Chorgesang des Volkes durch den gemischten Chor zur Anhörung gebracht wurden. Einer vom oströmischen Kaiser Constantin Porphyrogenetos ( 905 — 959) bewerkstelligten Zusammenstellung des am Hofe der Byzantiner üblichen Ceremoniells ist zu entnehmen, dass die Basiliken oder Ritualbücler unter anderm auch genaue Vorschriften über dm liturgischen Gesang, die Acclamationen der Chorführer und die Responsorien des Volkes enthielten, welche, wiewohl die Staatssprache die griechische war, nach altem Brauche großentheils in lateinischer Sprache gesungen wurden. Im späteren Mittelalter sind diese Wechselgesänge in dramatischer Form als Bühnenweihespiele zur Aufführung gelangt, wahrscheinlich zuerst in Spanien und in Frankreich. Die tiefe Ehrfurcht vor allen religiösen und kirchlichen Dingen, welche insbesonders dem spanischen Volke umewohnt, fand phantasiereichen Ausdruck in den Autos sacramentales, den Weihnachts -, Passionsund Frohnleichnamsspielen. Calderon de la Barca und Lope de Vega haben diese Art Dichtung zur höchsten Vollkommenheit gebracht; letzterer, der fruchtbarste Dichter der spanischen Nation, hat bei 400 Autos geschrieben, in denen seine tief* religöse Empfindung und Begeisterung für die Mysterien der heiligen Geschichte sich kundgeben. Auch in Tirol gelangten und zwar schon am Ausgange des 14. Jahrhunderts geistliche Spiele, namentlich auch Passionsspiele zur Darstellung, bei denen dem Chorgesang eine schön vermittelnde Rolle zugedacht war. Schätzbare Nachweise hierüber gibt ein höchst belehrendes Werk von Professor Dr. I. E. Wackernell über die altdeutschen Passionsspiele in Tirol.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. März 1899, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6400-ursprung-und-entwicklung-der-passionsmusik-anlaesslich-der-bach-1899).

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