Vor und hinter den Coulissen der Pariser Weltausstellung. Von Karl Minlorp (Paris). (Nachdruck verboten.) Zu einem großem Schauspiel, betitelt „ Das 19. Jahrhundert ", hat Frankreich für nächstes Jahr alle Nationen eingeladen, und alle Nationen sollen nicht bloß Zuschauer, sondern Milwirkende sein. Die Aufführung eines so großartiger! Stückes erheischt natürlich die gewaltigsten Vorbereitungen, und es ist ein fesselnder Genuss, schon. den Aufbau der ungeheuren Scener e in Augenschein zu nehmen, gewissermaßen einen indiskreten Blick hinter die Coulissen " der Ausstellung zu werfen. Freilich zerstört ein solcher Mick — das weiß jeder, dem es einmal vergönnt war, Theaterproben beizuwohnrn — manche Illusion: was wir für sonnen oder mondbeglänzte Landschaften und Schlösser oder auch schaurigromantische Ruinen zu halten geneigt waren, verwandelt sich bei näherer Betrachtung in rohgezimmert - Bretter, Pappdeckeb Ausschnitte und bekleckste Leinwand. So raubt uns auch eine Umschau auf die Entstehungsgeschichte des Ausstell « ngswerkes manche erhabeud Idee, die das fertige Gesammtbild in uns erweckt haben würde. Statt der entzückenden Poesie erblicken wir triviale Prosa; die großartigsten Effecte werden auf gewöhnliche Tricks reduciert. und das Ungeheuerste wird uns bei jedem Schritt lächerlicher. Allein das ist nun einmal das Los alles Schönen und Bedeutenden auf der Erde. Für den Neugierigen, oder wie man, unseren von Mutter Eva ererbten Fehler ausjchmückend, sagt, für den „ forschenden Geist" gibt es weder Schönes noch Hässliches; alles nimmt er unter seine Lupe, will von allem den Grund und den Untergrund wissen. Der Untergrund der Weltausstellung von 1909 ist nichts weniger als schön. Staub und Schmutz herrscht vor. Was thut ' »? Also wagen wir immerhin einen Gang durch die werdende Schöpfung; er wird uns die Freude an dem vollendeten Werke nicht verderben; im Gegentheil der Eontrast zwischen den kleinen Menschlichkeiten, die wir jetzt wahrnehmen, und dem gewaltigen Bilde, das, wenn der Vorhang aufgeht, den Genius des Jahrhunderts verkörpern soll, kann höchstens humoristisch wirken und thut dem wundervollen Eindruck, den das gewaltige Unternehmen schließlich doch auf jeden machen muss, keinen Abbruch.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 6. Dezember 1899, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6535-vorbereitungen-zur-pariser-weltausstellung-1900-im-zeichen-des-19-1899).
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