Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VOLKSLIEDEINFLUSSER GEWINNEN ÜBERHAND

Zur Erhaltung des echten Tiroler Volksliedes inmitten fremden Einflusses

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. März 1901 · Seite 2
Die Pflege es echten deutschen Volksliedes in Tirol. Von Hans Zangerle. (Nachdruck verboten.) Seit langem ist das echte Tiroler Volkslied arg bedrängt durch die „ Salon - Tirolerlieder " und Koschatiaden, welche wirklich gewerbsmäßig in großen Mengen erzeugt werden, durch den bis in die fernsten Winkel des Landes reichenden üblen Einfluss des Wiener Bänkelgesanges, durch das bis zur Widerwärtigkeit ausgeartete Treiben der sogenannten „Nationalsängergesellschaften " und leider auch durch das zum Theile in einer wahnvollen Verschrobenheit und Einseitigkeit wirkende Männergesangsvereinswesen. Hand in Hand mit allen schädlichen Einflüssen schreitet auch eine große Begriffsverwirrung über Echtheit oder Unechtheit, Wert oder Unwert der Lieder, die das Volk singt, ja eine gewisse Missachtung des Volksliedes in den Kreisen der Gebildeten. Vor allem gilt es nun, im deutschen Tirolervolke die Liebe zu seinem heimatlichen Liede recht zu beleben und mit ihm das Gefühl zu erziehen, dass es sich hiebei um keine gleichgültige Sache handelt, sondern um ein wertvolles Volkseigenthum, um ein Ahnenerbe, welches einmal weggeworfen und verloren, nicht mehr wiedergewonnen werden kann. „Das Volksthümliche ist von jeher der befruchtende Quell aller Kunst gewesen. In der Gesellschaft wie in der Kunst haben wir vom Volke gezehrt, ohne dass wir es wussten. " (Richard Wagner.) Im deutschen Alpengebiele quillt noch frisch und weniger gehemmt der Quell des Volksliedes, wenn auch nicht mehr an den breiten Heerstraßen, wo der gleichmachende weltbürgerliche Einfluss der neuzeitigen Culturerrungenschaften das reine Volksthum bedroht, nicht in den Städten, wo der gesteigerte Wettkampf ums Dasein, ein sieberhastiges Jagen nach Reichthum und Wohlsein und auch Verbildung die Herzen unfroh und befangen macht, so doch in den Seitenthälern, in den Dörfern, auf den Bergen, wo noch Zufriedenheit mit dem zugetheilten Lose und den kleinen Verhältnissen herrscht, wo Natureinfalt und Unbefangenheit die Erscheinungen eines natürlichen und ruhiger dahinfließenden Lebens sind. In Gegenden, wo das Tiroler Volk nicht darbt, leben noch eine überraschende Menge von Gesängen. Wo aber die Armuth zu Hause ist, wie in einem Theile des oberen Jnnthales, in „ Außerfern ", wo ein großer Theil der Bewohner zu einer zeitweisen Auswanderung in die benachbarten Staaten veranlasst sind, um ein Verdienst für den Lebensunterhalt zu suchen, will das Volkslied nicht so recht erklingen. Im Unterinnthale, Brixenthale, namentlich aber im Zillerthale (Stumm insbesondere) erklingen die Lieder des kräftigen,
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. März 1901, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6751-zur-erhaltung-des-echten-tiroler-volksliedes-inmitten-fremden-1901).

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