Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
200 FEUER ÜBER INNSBRUCK

Sonnwendfeuer in prächtiger Gebirgsumrahmung erstrahlen in wunderbarer Pracht

Veranstaltung am Abend nicht im geringsten. Die Sonnwendfeuer auf Innsbrucks grandioser Gebirgsumrahmung bilden, seit der uralte Brauch vor einigen Jahren zu neuem frischen Leben erweckt worden ist, ein stets wieder viel bewundertes Schauspiel von seltener Schönheit. Der gestrige Abend bot einen neuen Beleg hiezu. Vor 9 Uhr begann es aufzuleuchten. Vom Brandjoch wurde mit bengalischem Lichte das Zeichen zum Anzünden gegeben. Dann erstrahlte plötzlich der sazenumrankte Felsblock der Frauhitt im bengalischen Feuer gleich einer rothglühenden Masse und darnach leuchteten an seinem Fuße, auf der Spitze und an den verschiedenen Absätzen desselben Sonnwendfeuer auf — es war ein reizendes Bild. Und auf den Höhen und Gehängen im Norden und Süden der Stadt loderte es auf in ungefähr 200 Feuern. Auf der Nordkette lagen auf den Spitzen und dem Kamme gleich funkelnden Sternen über 30 mächtige Feuer vom Brandjoch bis hinab zur Bettelwurfspitze und noch darüber hinaus. Und an den Gehängen, in den Felsen, Karen, neben mächtigen Schneeflecken und auf grünen Böden brannten deren ebenfalls über hundert. Reich damit besäet wie immer war die Arzler Scharte. Links unterhalb des Hafelekars war ein großes Kreuz sichtbar, das aus zahlreichen Petroleumflammen zusammengesetzt war. Ungewöhnlich reich war diesmal die Kette im Süden mit Sonnwendfeuern ausgestattet. Vom Patscherkofel gegen Osten zum Glungezer und Tulfeinerjöchl brannten auf den Höhen und an den Abhängen etliche 40. Schön wie immer und in seiner Art einzig war der Anblick der Serles, deren herrliche Pyramide auf der Spitze ein mächtiges Feuer erzeigte. Auch die pyramidenförmige Silhouette der Saile trug Heuer wieder auf den verschiedenen Spitzen zahlreiche Sonnwendfeuer. Aus dem Wippthal leuchteten Feuer vom Blaser, aus dem Oberinnthal vom Rosskogel, vom Freihut u. a., aus dem Unterinnthal auch eines vom Haneburger in unser Thal herein. Im Mittelgebirge waren auf dem Lanserkopf, auf dem Plumesköpfl und an verschiedenen anderen Punkten Sonnwendfeuer angezündet. Allmählich erloschen die Lichtpunkte und das herrliche Schauspiel, das den Großtheil der Bevölkerung ins Freie gelockt und namentlich die Fremden hochentzückt hatte, gieng zu Ende.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 30. Juni 1902, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7015-sonnwendfeuer-in-praechtiger-gebirgsumrahmung-erstrahlen-in-1902).

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