Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
RESTAURATION ODER ZERSTÖRUNG?

Kritik an der Wiederholung der Restaurierung des Rudolfsbrunnens

(Der Rudolssbrunnen.) Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Der Rudolfsbrunnen wird gegenwärtig wieder „ restauriert ", das heißt abgekratzt, abgemeißelt, abgehämmert u. s. w. So viel wir uns erinnern, ist dies das dritteoder viertemal seit seiner Errichtung. Es ließe sich also unter den gleichen Verhältnissen beiläufig berechnen, in wie viel Jahrzehnten er zu Tode gekratzt sein wird. Es herrscht bei uns ein eigener krankhafter Drang, wenn sich an einem Monument irgendwo Patina, Staub oder Schmutz ansetzt, gleich zu „ restaurieren ", zu meißeln, zu schaben, zu hämmern, zu „ verneuern " anstatt — wenn es notwendig sein sollte — bloß den Schmutz mit Seifenwasser und weichen Bürsten zu entfernen. Wir wagen zu hoffen, daß man wenigstens die kleinen Säulen nur auf diese Weise reinigen und nicht durch Ab- 4.: eißeln verdünnen wird. Hätte z. B. in Italien von jeher dieselbe Sucht zum Restaurieren bestanden wie bei uns, dann würde man heute vergeblich nach alten Monumenten suchen oder höchstens einige schwindsüchtige Reste finden. Vor einigen Jahren hat man die polierten Marmorfiguren an der Annasäule „ restauriert ". Heute kann jedermann daran die Wirkung studieren. Schwarz und rauh ragen sie in die Luft, vollkommen bereit zum Moosansetzen; was der scharfe Zahn der Zeit in 180 Jahren nicht vermocht, unsere „ Restaurierung " hat es gleich zustande gebracht. Zum Glück ist dieselbe noch nicht über die Triumphpforte geraten. Dafür möchten wir aber auch den Schutz des Publikums anflehen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 30. März 1903, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7201-kritik-an-der-wiederholung-der-restaurierung-des-rudolfsbrunnens-1903).

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