Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TIROLER HÜETL IN CHARLOTTE

Ein tirolerisches Künstlerheim in Charlottenburg und die neue Jagdgottheit des Bildhauers Pfretschner

Wir wollen nur darauf Feuilleton. Beim Bildhauer Pfretschner. (Nachdruck verboten.) In einem Gartenhause der Kantstraße ( Nr. 158) in Charlottenburg, inmitten eines kleinen, gegenwärtig in herbstlicher Farbenpracht prangenden Parkes liegt das gastliche Heim des Künstlers. Tritt man in das Wohn und Empfangszimmer, so überkommt einen ein anheimelndes Gefühl. Altertümliche Möbel in Liroler Gotik — vom Künstler selbst entworfen und gefertigt — stehen ringsumher, an den Wänden hängen prächtige Gruppen von Jagdtrophäen und Waffen, alte Bildnisse aus rgendeinem Tiroler Edelsitze, dazwischen eine onnenüberglühte Berglandschaft oder ein Jagdtück aus dem Hochgebirge.... Alles so urgemütlich, so tirolerisch.... Und dazu die kernige, stramme Gestalt des Meisters, der die blaue Arbeitsschürze umgebunden, das „ Hüetl", mit dem „ Schneidhaggl " keck aufs Haupt gestülpt, die Stummelpfeife im Munde, am Fenster steht. Scharf hebt sich das schneidige Profil mit der kühn gebogenen Nase von dem Hellen Hintergründe ab. Unwillkürlich überrascht einen die auffallende Ähnlichkeit des Meisters mit Professor Desereggers Speckbacher. — Fürwahr, Künstler und Heim — ein Stück Tirol in der Fremde. Vom Wohnzimmer gelangt man in die Kunstwerkstätte. In der Mitte des von Hellem Licht durchstrümten Raumes steht Pfretschners letzte Arbeit: „ Me Hochjagd ". Lebensgroß, in jungfräulicher Schönheit zeigt sich uns die keusche Göttin der Jagd. In der Rechten trägt sie ein Hirsch Haupt mit Decke und goldenem Geweih, in der hochgehobenen Linken schwingt sie freudig den Speer. Mit leichtbeflügeltem Schritt scheint sie uns entgegenzueilen, um uns das günstige Jagdergebnis zu verkünden und unsere Huldigung in Empfang zu nehmen. Me Figur bildet den krönenden Abschluß eines Brunnens, dessen Schale sich in schön geschwungenen Linien zu ihren Füßen weitet. Die Architektur ist wie immer, so auch zu diesem Werke des Künstlers eigene Schöpfung. Die Jagd, der deutsche Wald mit all seinem Märchenzauber, seinen Spuk und Sagengestalten, übt einen mächtigen Reiz auf Pfretschner aus.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 14. November 1903, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7347-ein-tirolerisches-kuenstlerheim-in-charlottenburg-und-die-neue-1903).

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