Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
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Kammerrat Engele kritisiert Innsbrucker Nachrichten und verlangt fremdenverkehrsfreundliche Berichterstattung

Unechte Fremdenfreundlichkeit. So ziemlich am Schluß der gestrigen Sitzung der Handels und Gewerbekammer hatte unser Blatt die unverhoffte Ehre, der Gegenstand längerer Erörterungen zu sein. Grund hiezu war d er sogenannte Genickstarre - Rummel, der ja seit einiger Zeit männiglich ausgeschrotet wird, um gegen uns Stimmung zu machen. Gestern war es der Kammerrat Enge Le, der das Bedürfnis hatte, seinen Gefühlen gegen uns einmal freien Lauf zu lassen. Mit einem mächtigen Manuskript voll des „ gravierendsten Beweismateriales " rückte er zum Vernichtungsfeldzug gegen die bösen „ Innsbrucker Nachrichten" aus und verlas in erster Linie unsere Notiz, die wir über den Genickstarrefall Proxauf brachten. So entrüstet er dabei aber auch tat, so verriet sich doch alsbald, daß es weniger das Veröffentlichen der Genickstarresälle, als vielmehr die unbeugsame Haltung der „Innsbrucker Nachrichten" war, die seinen Zorn entflammte. Mit erhobener Stimme führte er aus, daß bisher der Fremdenverkehrsund Innsbrucker Verschönerungsverein vergeblich gegen uns Krieg führten, und er war sehr böse darüber, daß wir vor den! Angriffen dieser Korporationen nicht wie eine Schnecke in das Haus zurückkrochen. Daß wir uns wehrten und insbesonders die Tatsache, daß wir mehreren hypersensitiven Herren offen ins Gesicht sagten, wir wollten auch in Zukunft das tun, was uns beliebt, nannte Kammerrat Engele eine Unverfrorenheit. Dann kam er mit sichtlicher Rührung darauf zu sprechen, daß ein englischer Arzt über Innsbruck schrieb, die Luft hier sei so ruhig. Die „ Nachrichten ", meinte er, lassen aber selbst das nicht einmal gelten, sondern schrieben dazu: „ Na, na! Nur schön bei der Wahrheit bleiben! " Das furchtbare Verbrechen, daß wir gewissermaßen behaupten, unsere Heimat besser zu krönen, als der Englishman, scheint uns der vorgeschobene Sprecher der Kandelskammermehrheit am wenigsten verzeihen zu können. „ Der Fremdenverkehr ", endete er seine Rede, „ ist in unserem industriearmen Lande die Haupteinnahmsquelle der Gewerbsleute und man sollte es daher nicht für möglich halten, daß ein Blatt, das nur von Inseraten der Gewerbsleute lebt, alles nur Denkbare unternimmt, um den Fremdenverkehr zu schädigen, Ich stelle daher den Antrag, dm „ Nachrichten " vorzuhalten, daß es nicht nur Ehrensache, sondern Pflicht ist, unserem Vaterland zu Ehren und Ruhm zu verhelfen, und sie zu ersuchen, in Zukunft alle den Fremdenverkehr schädigenden Artikel zu vermeiden.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 26. Mai 1905, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7752-kammerrat-engele-kritisiert-innsbrucker-nachrichten-und-verlangt-1905).

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