Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VOM NORDPOL ZUR ZOLLSTELLE

Der Tiroler Nordpolfahrer Haller aus Obsteig im 62. Lebensjahre verstorben

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 17. Februar 1906 · Seite 10 · #Expeditionen
Samstag den 17. Februar 1906. Jnrrsvrrrser Nachrrchie« Der tirolische Nordpolfahrer Haller 1% In Obsteig im Oberinntale ist gestern um halb 11 Uhr vormittag der dortige k. k. Förster Josef Haller im 62. Lebensjahre gestorben. Haller war aus Passeier gebürtig, hat den 1866er Feldzug, und in den Jahren 1872 bis 1874 mit dem Tiroler Klotz als Jäger und Matrose die große österreichische Nordpolexpedition unter Payer mitgemacht. Am 18. Juni 1872 verließ die Expedition auf dem ' Dampfer „ Tegetthoss " Bremerhasen. Schon am 21. August wurde das Schiss im Nowaja Semlja vorn Eise eingeschlossen, aus dem es nicht wieder befreit werden konnte. Unter Gefahren und Entbehrungen wurden zwei Winter auf der Scholle zugebracht; im Frühjahre 1874 wurde auf drei Schlittenreisen die Erforschung des Franz Josephlandes unternommen, wobei als nördlichster Punkt 820 5 ’ n. Br. erreicht wurde. Während des Aufenthaltes aus Franz Joseph - Land wurden im ganzen von der Expdetion 95 Bären erlegt und verzehrt, aber nur drei Pelze konnte Payer heimbrin- < en, die anderen mußten aus dem „ Tegetthoss" tzurückgelassen werden. Als Kuriosität mag hier erwähnt sein, daß die drei Felle bei der Einfuhr nach Österreich verzollt werden mußten. Als Payer erklärte, sie kämen vom Nordpol, hieß es, das sei erst recht Ausland. Bei der Verfolgung eines Bären ( vier Seemeilen weit) hat Haller im Februar 1873 beide große Zehen erfroren. Abgesehen von einer Seekrankheit und einem Gelenksrheumatismus hat er die Expedition gut iiberstanden. Am 20. Mai 1874, 8 Uhr abends, wurde das Schiff wegen seiner Unhaltbarkeit und auf ärztlichen Rat verlassen und der in den Annalen* der Polarsorschungen mit goldenen Lettern verzeichnete, 96 volle Tage dauernde Rückzug mittels Booten und Schlitten angetreten. Die übermenschlichen phyischeu Anstrengungen, die unsäglichen Entbehrungen jeder Art, die moralischen, fast eine jede Hoffnung zur Rettung vernichtenden Eindrücke infolge der ungünstigen Eisverhältnisse, welche eine zweimonatliche Herknlesarbeit auf Null reduzierten, die gefahrvolle zehntägige Fahrt auf den stürmischen Wogen des Ozeans in kleinen und gebrechlichen Booten, die sortwähreude Besorgnis, in dunkler Nacht von seinen teuren Gefährten vielleicht für immer getrennt zu werden, werden den Teilnehmern zeitlebens in Erinnerung bleiben. Die Expedition wurde schließlich am 24. August 1874 von einem russischen Fischerboote ausgenommen und nach Lappland gebracht, von wo sie nach. Wien zurückkehrte. Haller wurde seiner Verdienste ' halber nachträglich in kn Staatsforstdienst übernommen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. Februar 1906, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7944-der-tiroler-nordpolfahrer-haller-aus-obsteig-im-62-lebensjahre-1906).

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