Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
MALEREI UNTER KALK GETÜNT

Zerstörung des barocken Pfarrhauses in Schönberg durch Unkenntnis

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 8. August 1906 · Seite 4
Die Kollaudierung hat bereits stattgefunden. (Zerstörung eines alten Kunstdenkmales.) Ein Kunstfreund schreibt uns: Wohl manchem Besucher der schön gelegenen Ortschaft Schönberg und des Stubaitales ist das altehrwürdige Pfarrhaus ( Widum) am Schönberg, dessen Portal und Fensterumrahmungen mit reicher barocker Malerei verziert waren, und das eine große Zierde für die dortige Ortschaft mit ihrer schönen Umgebung bildete, noch in bester und angenehmster Erinnerung. Leider ist dieses schöne alte Baudenkmal einer großen hochinteressanten Kunstepoche in den letzten Tagen dem Untergänge geweiht worden, denn durch Einsetzen neuer Fensterstöcke wurde die ganze herrliche zum größten Teile noch gut erhaltene Malerei gänzlich und für immer verwischt und in schonungsloser Weise zerstört. Die wenigen noch übrig gebliebenen Überreste, werden dermalen mit weißer Kalktünche üb er strichen, wodurch das Gebäude einen höchst nüchternen Charakter erhält ' und der schöne malerische Eindruck, den es im Vereine mit dem gegenüberliegenden Kirchlein auf das Auge des Beschauers machte, ist für immer verloren. Sowohl Kunstfreunde als auch Laien, die sich nur halbwegs für Kirnst, interessieren, muffen durch derartige auf größtem Unverständnis und Unkenntnis kn kunsthistorischen Dingen basierende Restaurierungen alter Bauwerke mit tiefstem Bedauern und größter Besorgnis erfüllt werden, weil auf diese Art ein altes Kunstwerk nach dem anderen für die Mit und Nachwelt verloren geht und unsere früher so malerischen Ortschaften mit der Zeit ihres ganzen alten ehrwürdigen Charakters dadurch beraubt werden. ' Die Ortschaft Schönberg hat schon v! or zwei Jahren durch einen verheerenden, von ruchloser Hand gelegten Brand zwei ihrer schönsten, gegenüber der Goethe - Zirbel gelegene alte Bauernhäuser, welche mit reichen höchst originellen Holzgiebeln und hübschen Erkern ausgestattet waren, verloren weshalb dieser neuerliche Verlust ihres nach der Kirche schönsten Objektes um so lebhafter beklagt werden muß, Es wäre sehr Kn wünschen, daß sämtliche für Kunst sich interessierenden Kreise ihr besonderes Augenmerk auf derartige, oft nicht absichtlich sondern nur durch Unverständnis und Unkenntnis der Sachlage hervorgerufene bedauerliche Verunstaltungen richten möchten, weil dadurch oft manches ', was bereits dem Untergänge geweiht ist, noch gerettet werden könnte.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 8. August 1906, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8029-zerstoerung-des-barocken-pfarrhauses-in-schoenberg-durch-unkenntnis-1906).

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