Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KNOCHEN, GLAS UND EIN SPITZENTUCH

Exhumierung und Neubeisetzung der Leiche der Josefine Gallmeyer auf dem Zentralfriedhof

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 8. Oktober 1906 · Seite 9
(Die Exhumierung der Gallmeyer.)! Auf dem Matzleinsdorfer Friedhof in Wien ist am 3. d. Mts. nachmittags die Leiche der Jose f i n e Gallmeyer exhumiert und sodauN in deM von der Gemeinde Wien gewidmeten Ehrengrabe auf dem Zentralfriedhof beigesetzt' worden. Am 3. Februar des nächsten Jahves werden 23 Jahre seit dem Tode der Künstlerin verflossen sein, aber es zeigte sich, daß das Andenken aN die Gallmeyer noch sortlebt. Hunderte von Personen waren auf deM Matzleinsdorser Friedhof anwesend. Als Man den Sarg! geöffnet hatte, fand man fast * bloß die Knochen darin, und auch sie nicht vollzählig, da zuM Beispiel der Unterkiefer schon ganz Zn, Staub zerfallen war. Der Schädel war — und das überraschte die anwesenden Funktionäre —, nach! einem Querschnitt zu schließen, seziert, worden. Die Knochen wurden in einem bereitgehaltenen Metallsarg gelegt und ebenso die geringfügigen Kleiderreste und dünnen Strähne vom Kopfhaar. Es sand sich auch « das Glas eines Bildes. Ob es das Porträt einer Person! war oder eine Muttergottesbild, ließ sich! nicht ausnehmen. Als man den Sarg schließen wollte, gab es ein Intermezzo. Eine Dame, trat hinzu. Sie hielt ein seines blütenweißes Spitzentuch! in der Hand und bat, es in den Sarg legen zu dürfen, es sei Eigentum der Gallmeyer, diese habe es ihr vor Jahrzehnten geborgt, und sie habe vergessen, es ihr rückzuerstatten. Nun wolle sie der Toten ihr Eigentum geben. Man gestattete es der Fremden, und nun liegt auch! das Spitzentuch ' der Gallmeyer im Sarg. Dann trat ein junger Mann in den Zwanzigerjahren aus den Sarg zu uub schmückte ihn mit einem mächtigen Lorbeergranz mit grünen Schleifen. Der junge Mann soll ein Patenkind der Toten sein. Der Sarg wurde zur Kanzlei gebracht und, nachdem über den Akt ein Protokoll ausgenommen worden war, verlötet. Dann Hab man ihn aus einen vierspännigen Glasgalaleichenwagen, und es ging dem Zentralfriedhose zu. Die Leute liefen noch eine Strecke weit mit. Nur ein paar Wagen folgten dem Sarg. Als der Kondukt auf den Friedhof kam; erwartete ihn auch! hier eine große Menschenmenge; auch hier zumeist Damen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 8. Oktober 1906, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8062-exhumierung-und-neubeisetzung-der-leiche-der-josefine-gallmeyer-auf-1906).

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