Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SYPHILIS MIT CHEMIE BEWALD

Berichte über das neue Syphilismittel „606“ in der Innsbrucker Dermatologischen Klinik

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 2. Dezember 1910 · Seite 2
Das aber ist der Punkt, weshalb das Ausland und insbesondere Deutschland Anlaß hat, bei aller Respektierung des Grundsatzes der Nichteinmischung mit seinen Sympathien auf Seiten der englischen Liberalen zu stehen, denn die Partei der konservativen Schutzzöllner ist zugleich die Partei der „ Imperialisten ", die eine „ kräftigere Auslandspolitik " anstreben und durch die Schutzzölle die Mittel für eine noch stärkere Seerüstung Englands gewinnen wollen (Nachdruck verboten.) Die Erfahrungen der Innsbrucker dermakologifchen Klinik mit dem neuen Mittel „ 606 ". Das vom Geheimrat Ehrlich gemeinsam mit Häta dargestellte Mittel „ 606 " erweist ein Interesse, das weit über den Bereich der medizinischen Welt hinausgeht. Davon zeugen die in allen Tagesblättern immer und immer wiederkehrenden Notizen über dieses Mittel. Wir halten es daher für unsere Pflicht und Schuldigkeit, unserem Leserkreis das wesentlichste dessen mitzuteilen, was Herr Prof. Merk in seinen Vorträgen vom 24. November und 1. Dezember unter gespannter Aufmerksamkeit und großem Beifall in der hiesigen wissenschaftlichen Ärztegesellschaft mitteilte. Während die bisher gegen die Syphilis wirksam angewendeten Mittel, das Quecksilber, Jod, Schwitz und Wasserkuren Maßnahmen darstellten, die einem unsicheren Umhertasten der Ärzteund Laienwelt entstammten, stellt das Produkt Ehrlichs einen chemischen Körper dar, der durch BernUnftüberlegungen und einen tiefen Einblick in das Wesen der Krankheit nach langem Aühevollem Wege gefunden wurde. Arsen war Mou son jeher ein belieb es und wirksames Heilmittel, aber feine Giftigkeit verhinderte die Anwendung größerer Gäben. Ta entstand zunächst ein Arsen - Präparat, „ Atoxhl " benannt, von dem bekannt wurde, daß es bei der Schlafkrankheit gute Erfolge habe, und welches bei weitem weniger giftig war, als die bis dahin üblichen Arsenpräparate. Es war weiter bekannt geworden, daß die Erscheinungen der Schlafkrankheit und Syphilis eine gewisse Ähnlichkeit Zeigten und so begann man Atoxyl auch gegen letztere Krankheit ins Feld zu führen. Aber. immer noch wurden Giftwirkungen bekannt, so daß die Mehrzahl der Ärzte die Scheu vor dem Arsen weiterbehielt. Hier griffen Ehrlichs Arbeiten ein. Er modelte das Atoxyl immer weiter um und erzeugte ein Präparat ums andere, jedes wurde mit einer Nummer versehen und auf seine Wirkung ausprobiert, bis endlich däs 606. Präparat die Befriedigung Ehrlichs erzielte. Das schwefelgelbe Pulver, das in verschiedenen Dosen in luftleer gemachten Glasphiolen aus dem Ehrlichffchen Institute, dem Georg Speyerhaus in Frankfurt a. Mj., zum Versand kam, löst sich in Wasser nicht eben leicht, hat eine sehr starksaure Reaktion, ist leicht lnftzersetzlich und kann in dieser Form nicht angewendet iverden. Durch Zusatz von Lauge verliert es den Säurecharakter und man erhält nun einen Schlamm, der sich leicht in Wasser suspendieren und dann dem Kranken einspritzen läßt. J! U dieser Form wurde es ' an den vielen Kliniken und Krankenanstalten mit dem bekannten wunderbaren Erfolge injiziert. Diese Anwendung hatte aber das Mißliche, daß lange Zeit hindurch bestehende Beulen austraten, aus denen das Mittel nur zum Teil in die
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 2. Dezember 1910, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8817-berichte-ueber-das-neue-syphilismittel-606-in-der-innsbrucker-1910).

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