Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NORDLICHT IN DER STIMME

Vorlesung über das Nordlicht als mythische Erscheinung durch Theodor Däubler

( Serie rot.) Es wird aufmerksam gemacht, daß weitere Wiederholungen nicht stcitLsindcw, (V 0 r l e s u n g von Theodor D ä u b l e x. f Nur wenige von denen, die Freitag abend im? kleinen Stadtsaale beisammen waren, wußten/ wen sie vor sich hatten. Aber fast alle durchs schauerte die Ahnung von etwas Großem, als Däubler seinen Mund austat und durch das Dämmer seiner Worte die wundersame Röte des Nordlichtes brach, denn wahrlich eine neue Welt des Lichtgeistes ist es, die da geboren ward. Was ist das Nordlicht? Eine Erscheinung, ein Wort, eine Idee. Und diese Idee geht schwanger mit allen Ideen der Menschheit und dieses Wort ist die Mutter aller Sprache und diese Erscheinung ist das Ereignis im Urdnnkeln. Cs erlebt im Blicke eine steinalte Geschichte: Das Menschenweib empfängt vom Gotte und gebiert den Heros. Anders lauten die Namen des Vaters, der Mutter, des Sohnes, bei anderen Völkern, aber es ist nur eine Geschichte. Es ist der Urmythos, das Gotterlebnis der Menschheit. Däubler faßt es nur weiter und dichtet. Die Erde empfängt von der Sonne und gebiert das Nordlicht. Das Nordlicht ist der Heros seines Sanges und sein Sang feiert die Taten und Leiden dieses Heroen, läßt sie in Sprachgemälden voll titanischer Wucht und dionysischen Rausches an unseres Geistes Auge vorüberziehen. Es ist das Epos einer Idee, die in tausend und abertausend Metamorphosen und Inkarnationen durch die Geschichte der Menschheit wandert. Däublers dichterisches Welterlebnis ist ideeller Natur, ja ich zögere nicht, ihn geradezu einen Idealisten zu nennen, wo ferne nämlich ein solcher ist, wer das Licht des Geistes, die Inbrunst des Gefühls und den Mut des beharrlichen Willens von Ideen empfängt, mögen diese nun von der Art sein und in der Form sich offenbaren, die Schiller in die deutsche Dichtung eingeführt und so gemeistert hat, daß alle, die ihm bewußt oder unbewußt folgten, vom Fluche des ' Epigonentums getroffen wurden, mögen sie wie Däublers Lichtidee zu neuen, von den überkommenen vielsach abweichenden Formen dichterischer Gestaltung drängen. Denn nur diese Formen sind es, die Däublers Dichtung so fremd und dunkel erscheinen lassen, zumal wenn man seine höchst eigenartige Behandlung der Sprache mit in Betracht zieht; die Macht der Idee, die diese Formen gezeitigt, ist groß genug, um selbst Hörer in ihren Bann zu zwingen, denen die Schwierigkeit des Verständnisses den vollen Genuß des Gebotenen verwehrt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 26. November 1912, S. 8, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9145-vorlesung-ueber-das-nordlicht-als-mythische-erscheinung-durch-1912).

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