Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GEISTESKRANKER FEUERT IM ZUG

Aufregende Vorfälle im Tauernbahnzug – Professor begeht Revolveranschlag auf Schaffner und verfolgt Irrsinnigenwahn

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 17. Jänner 1913 · Seite 3
(Aufregende Szenen im Eisenbahnwagen.) Auf dem Schnellzuge der Tauernbahn, welcher gestern abends in Triest wegfuhr und heute früh in Innsbruck eintraf, wurde ein Reisender ( es ist ein Professor aus Innsbruck) von Verfolgungswahn befallen und in diesem Zustande verursachte ^ er höchst aufregende Szenen. Wir erhalten hierüber von einem Mitreisenden folgende Darstellung: In Görz stieg ein Herr mit einer Dame in den Schnellzug ein und beide begaben sich in ein Abteiil 2. Klasse, wo ein einziger Reisender saß, der auf der Rückreise von Smyrna befindliche Holländer Herr W. H. Nieuwenkamp aus Amsterdam. Später, als nebenan ein Abteil frei wurde, begaben sich der Herr und die Dame ( diese war vermutlich seine Frau) dorthin. Nun waren diese drei Reisenden allein im ganzen Waggon. Kurz vor Schwarzach machte der Herr Professor plötzlich in seinem Abteil einen großen Lärm, welcher den Kondukteur veranlaßte, nachzusehen. Als der, Schaffner an das -Abteil kam, in dem das Ehepaar saß. und Einlaß begehrte, frug der Professor, wer draußen sei. Auf die Antwort des Kondukteurs folgte ein scharfer Schuh aus einem Revolver, den der Reisende vom Abteil aus auf den Kondukteur abgegeben hatte. Die Kugel drang durch die Eoupswaud und blieb im Gange in der Seitenwand des Waggons stecken. Der Kondukteur wurde zum Glücke nicht davon getroffen. Man war sich Nun klar darüber, daß der Fahrgast ein Irrsinniger war. Die Bahnorgane trafen nun Vorkehrungen und verständigten die Behörden. In der Station kamen zwei GeNdarmen in den Zug, nahmen dem Geisteskranken den Revolver ab und notierten sich das Nationale, aber der unheimliche Fahrgast durste seltsamerweise die Fahrt fortsetzen. Ter Kranke gab nicht lange Ruhe, und obwohl seine Frau alle möglichen Beschwichtigungsversuche anwandte, wurde er dennoch wieder unruhig, begab sich auf den Gang, wo auch der holländische Herr war, und nun traten alle Merkmale des Verfolgungswahnes deutlich hervor; er phantasierte von Vergiftungsversuchen, vom Judas, den er verfolge und suche, und schließlich ging der Kranke zum Abteil, in das sich der Herr aus Holland zurückgezogen hatte, rüttelte dort und wollte ins Abteil hinein. Die Situation wurde nun begreiflicherweise sehr ungemütlich. Der Holländer hielt etwa § ine Viertelstunde lang die Türe von innen zu, um dem Irren, einem großen, kräftigen Manne, das Eindringen zu verivehren. Dies gelang ihm auch. Später tobte der Kranke noch in seinem Abteil herum und erst in Wörgl kam die.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. Jänner 1913, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9183-aufregende-vorfaelle-im-tauernbahnzug-professor-begeht-1913).

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