Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
OPER MIT ÜBERFLIESSENDEN EMOTIONEN

Premiär der Oper „Die Movdgrundbrnck bei Dresden“ in der Redoute

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 3. Februar 1855 · Seite 6
Die morgen in der Redoute zu gebende, und um halb neun Uhr Abends beginnende Oper hat folgenden Titel: „Die Movdgrundbrnck bei Dresden, oder: Liebe, Verzweiflung, Haß, Reue, Plaisirvergnüglichkeit und Jndifferentismus. Großes Blut -, Trauerund Thränenspiel in drei jammervollen, miserabeln Akten, mit vollständiger Vernachlässigung der aristotelischen Einheiten und kolossal fabelhaften Anachronismen, jedoch nicht ohne einige obligate Aecorde aus der Harmonie der Sphären und sichere Aussicht auf pyramidale Tantiemen. Dichtung vom Sohne meines Vaters. Composition vom Gatten meiner Mutter. " Personae draaaiatis: Glittet Kunibert von Drachenfels, ein gutmüthiger poltern der Alter, der dem Zuschauer so lange in einem ganz paffabeln Lichte erscheint, bis er in andere Umstände kommt, die ihn zu einem Anstrich von Brutalität zwingen. Er ist durchaus moralisch und hat blos die zwei Fehler, daß er erstens gern bis nach 11 Uhr kneipt, und dann, daß er raubrittert. Daß er Wittwer ist, dürfte wohl die beste Seite an ihm sein. Amalgnnde, seine Tochter, eine ächte deutsche Jungfräulichkeit mit blonden Augen und blauen Haaren. Sie liebt den Mondschein und Schweizerkäse, trinkt früh Milch statt Kaffee, kann das Tanzen nicht vertragen und strickt in der Viertelstunde zwei und fünfzigmal herum. Im Uebrigen ist sie gerade so zerriffen und uneins mit sich selbst, wie ihr Vaterland. Edeward, Leibpage Kuniberts, stille Liebe Amalgundens, ein Harm und anspruchsloser junger Mensch mit gänzlich vernachlässig ter Schulbildung, der, da er das Einmaleins und m6N8 » mensae nicht capiren konnte, beschlossen hat, sich dem Ritterstande zu widmen. Seit er stille Liebe Amalgundens geworden ist, hat er sich das Rauchen und Schnupfen abgewöhnen müssen; dafür geneußt er Küsse und Umärmetungen seitens Amalgundens, die ihm weiß macht, dies wäre Nektar und Ambrosia, er gtaubt ' s aber nicht. Sassafraß von Eulenhorst, ein ditto Raubritter. Dieser arme Mensch hat das Unglück, vom Poeten zum Jntriguant bestimmt zu sein, ist deshalb nothwendiger Weise in Amatgunden verliebt, er mag wollen oder nicht, und hat das ganze Stück hindurch nichts weiter zu thun, als jenen ewig denkwürdigen rothen Faden zu hatten, der sich durch jedes wohlconditionirte Drama zieht. Daß er als Jntriguant grob und malitiös ist, braucht nicht erst erwähnt zu werden; Orden hat er, Gott sei Dank, noch keine.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 3. Februar 1855, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/132-premiaer-der-oper-die-movdgrundbrnck-bei-dresden-in-der-redoute-1855).

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