Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
WUTANFALL UND KEIN ENDE

Angriff eines Geisteskranken auf Kastanienweib und Sohn in der Kinzach

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 21. November 1865 · Seite 3
Hall, 19. Nov. (Verwundung durch einen Geisteskranken.) An der Kinzach, die alleinstehende Mühle zwisch ' n Absam und Thaur, zog heute gegen 9 Uhr Vormittags eine Witwe ihren Karren, beladen mit allem, um gebratene Kastanien feil zu biethcn. An ihrer Seite ging ein Knabe, ihr Sohn. Dieser begegnete ein älterer Mann in Bauerntracht, welcher die Augen fürchterlich hin und herrollcnd ihnen den Weg versperrte, und ohne weiters tief räuspernd der Mutter und dem Knaben in ' s Gesicht spie. Die Mutter, daS Acrgste ahnend rief ihm erschrocken zu: „ Laß mich doch gehen; ich bin eine arme Witwe und rie einzige Stütze dieses Knaben. " Der Wahnsinnige spi « ihnen nochmals in ' s Gesicht, begann die Gegenstände, Kastanien, Brotkessel u. dgl. aus dem Karrm heraus und dem unglücklichen Kastanienweibe in ' s Gesicht zu werfen und endlich alles wüthend zu zertrümmern. E ne herbeikommende BäckerSmagd vermehrte nur den Jammer der Wehrlosen. Glücklicher Weise erschienen einige junge Männer, welche den Muth hatten den Rasenden zu ergreifen, konnten ihn jedoch nicht festbinden. Dieses gelang erst unter Mithilfe eines herbeigerufenen Gensdarm, unter dessen Begleitung der Tobende auf einem Müllerwag n wie ein geknebeltes Thier zum k. k Bez. - Amte geführt werden mußte. Dort konnte er nur von mehreren Männern bewältiget werden. Und selbst an den Füßen gefesselt und an den Händen gebunden war er doch noch im Stande die wenigen Einrichtungsstücke des Kerkers unter einander zu werfen, so daß man Aergeres befürchten mußt «. In dieser Verlegenheit wurde um Ucbernahme dieses Mannes in der Landes - Jrre i- Anstalt dringend ersucht, welche jedoch wegen Platzmangel nur bis zum Eintreffen bereits cinbcrufcner Geisteskranken gestattet werden konnte. Der Transport in die Irrenanstalt ging in gleicher Weise auf dem Müllerwagen vor sich und zwar unter dem Andrange einer großen Menge Neugieriger, welche durch die gravitätische Miene und Haltung des Anstaltsportiers vor dem Eindringen in das Haus abgehalten werden mußte. Der Geisteskranke hatte einige oberflächliche Hautverletzungen und trug eine namhafte Baarschaft größtentheils in Silber bei sich. Das Kastanienweib blutete am Gesichte stark auS mehreren wenn auch nicht gefährlichen Verletzungen in der Stirn und Wangengegend.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 21. November 1865, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/1657-angriff-eines-geisteskranken-auf-kastanienweib-und-sohn-in-der-1865).

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