2251 (Eine rabiate Weibsperson.) Unter „ Noch nie dagewesen " brachte jüngst das W. T. V. eine Gerichtsverhandlung, die wir der Originalität halber hier mittheilen: „ No also, da sitzens ja Alle, die schönen Herren vom Fömg ' richt. " Mit diesen Worten tritt eine Frauensperson in den GerichtSsaal, die mit ihrem wild aufgelösten schwarzen Haar, mit ihrer zur einen Hälfte gänzlich entblößten und zur anderen Hälfte mit einem alten Stück schmutziger Leinwand bedeckten Brust, mit ihrem groben Zwilchkittel als einziges ganzes Kleidungsstück und mit ihren abgetretenen „ Schlappschuhen " einen wahrhaft eckelerregenden Eindruck macht. Aufgeforderk, in den zweiten Saal zu gehen, weil dort erst ihr Richter sitze, meint sie ganz höhnisch: „ So, sein das no nit de Rechten? Wie schau ' n denn dann die auö, die mir g ' wachscn sein sollen? " Und sie tritt in den aiustoßenden Saal. Hier gewahrt sie kaum einen Polizeisolsaten auf der Zeugenbank, als sie wie eine Wahnwitzige auf ihn losstürzt. „ Da iS ja der Kerl mit dem hundsvermaledeiten G ' sicht! Schaun ' S, daß i ihm nit a paar obi hau ", fügt sie zu dem Richter gewendet hinzu, „ denn meiner Six, wenn i den HundSkerl sich, da steigen mir die GrauSbirn auf, da juckt ' S mi in der rechten Hand und i möcht am allerliebsten d ' reihauen wie ' S Dunnerwetter. " Sie erhebt thalsächlich die rechte Hand und macht Miene loSzuschlagen. Der AmtSdiener packt sie und hält sie mit beiden Händen; sie aber sucht sich gewaltsam loSzuwinden schreit und flucht: „ Ob ' s auslassen werd ' tS. Schaut ' S mir so an Henkersknecht an! AuSlaff ' n sag i, auSlaff ' ti, i muß dein Kerl a paar obi hau ' n, und wenn ' S mein Leben kost. " Der Richter bemüht sich vergeblich, die rabbiate Person zu beruhigen, — sie schreit unaufhörlich, droht und flucht und beschimpft sowohl daö Gericht, als auch den AmtSdiener, insbesondere aber den als Zeugen zur Verhandlung vorgcladenen Polizeisoldaten. Dieser erzählt: „ Schon zu wiederholten Malen habe ich die Frau im Stadtgraben in der Mitternachtsstund ' mit mehreren anderen liederlichen Weibspersonen.... " Ang. ( einfallend): Wie der Kerl red ' t, liederliche Weibspersonen, i muß Len heut ' no zu an Karbanadl z ' sammpracken. Richter. Schweigen Sie und stören Sie nicht den Gang der Verhandlung, sonst lasse ich Sie abführen. Ang. ( höhnisch): O je, da liegt mir weiter was d ' ran. Richter. Ich sage eS Ihnen zum letzten Male, benehmen Sie sich anständig Ang. Warum denn, wenn i fragen darf? Richter. Weil Sie vor Gericht stehen. — Ang. Und sonst wegen nix? DaS kost ' mi an Lacher. ( Lacht höhnisch) — Richter ( zum Zeugen): Erzählen Sie fort. Zeuge. Ich Hab ' diese Weibsperson, wie g ' sagt, mehrere Mal ' im Stadtgraben gegen Mitternacht mlt anderem liederlichen G ' sind ' l herumschleichen g ' seh ' n und sie oft aufgefordert, nach Haus ' z ' gehn. Sie hat aber jedenfalls keinen Unterstand g ' habt, weil ' s mir immer spöttisch zu Antwort geb ' n hat: „I bin ja so z ' HauS. " Einmal ist mir aber die G ' schicht ' doch zu dick word ' n und ich Hab ' sie arretirt. Da hat sie nun ein Hauptspektakel g ' macht und ich Hab ' Müh ' g ' habt, sie auf ' S Kommissariat z ' bringen. Ang. ( wie eine Wilde d ' rcir -. schreiend): Was i Alles g ' sagt Hab ', döS wor Alles z ' wenig.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. Oktober 1868, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/2207-rabiate-weibsperson-stoesst-gerichtsverhandlung-in-wilder-aufregung-1868).
[Regest bei Konrad Fischnaler, Innsbrucker Chronik I, S. 83: „Enthebung des Statthalters Georg R. v. Toggenburg.“]
Originaltext der Innsbrucker Nachrichten (4. Februar 1868, S. 1):
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