Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
THEATER OHNE OPER IST KEIN THEATER

Kritische Betrachtungen über die Einführung einer Opern-Saison in Innsbruck

1288 1. dürfte es kaum räthft ' ch sein, zur Begründung des Wunsches nach einer Opern - Saison auf die vor Jahren hier gut bestandene Operngesellschaft hinzuweiftn, besonders wenn eine solche gemeint sein will, deren sich Innsbruck erfreute, als es noch sein altes Theater besaß. Seit damals sind die Gagen- Verhaltnisse derart gestiegen, daß jetzt die Gage eines damaligen ersten Opernmitgliedes kaum hinreicht, die Ansprüche von zweiten Mitgliedern für unsere dermaligen Schauspielcrgesellschasten zu befriedigen. Zudem läßt sich jetzt höchst selten ein Opernmitglied auch im Schauspiel verwenden, was früher oft der Fall war, und bedeutende Erleichterungen im Gagen - Etat ermöglichte. Es sollte zwar nicht so fein, aber es ist einmal so. Daher auch in viel bedeutenderen Städten die Direktionen von Theatern, die nebst dem Schauspiel eine Opcrngesellschaft halten mußten — in den letzten Jahren fallirten. 2. Roch weniger einverstanden können wir mit der Ansicht des geehrten Herrn Verfassers jenes Aufsatzes sein, daß sich „ jenes Publikum, welches mehr aus Kunstsinn und Vorliebe sich zum Theaterbesuche hingezogen fühlt ", falls hier eine Operugesellschaft im Engagement stünde und Opern ausschließlich bei aufgehobenem Abonnemcnts - Entre gegeben würden, überhaupt abonniren würde, auch wenn keine Opcrnvorstelluuge » im Abonnement stattfänden, wozu jener Aufsatz ausdrücklich anräth. Wir glauben vielmehr, daß eben darum, weil unser Theater höchstens zwei bis dreimal sein Publikum wechselt, also eine Oper nach zwei bis drei Abenden schon von Allen gehört werden könnte, sich für fernere Wiederholungen dieser Oper bei aufgehobenem Abonnement kein hinreichendes Publikum mehr finden würde, während man doch andererseits einer Direktion kaum zumuthen kann, Opern um theures Geld ankaufen und lange einstudiren zu lassen, um selbe nach drei oder vier Wiederholungen wieder als verbraucht in der Theaterbibliothck zu begraben! Damit soll nicht gesagt sein, daß wir ohne Bedauern auf den Kunstgenuß den das Anhören guter und gut gegebener Opern gewährt, verzichten; aber nach unserem Dafürhalten wäre es nur dann und für die Dauer räthlich, hier das Bestehen einer Operngesellschaft zur Bedingung der Forteristenz unseres Theaterinstitutes zu machen, wenn der jeweiligen Direktion zugleich die dazu unerläßlichen Geldmittel dauernd gesichert würden; auf eigenes und alleiniges Risiko wird sich nicht leicht eine Direktion mit reellen Absichten herbeilasscn, das Wagniß des Engagements einer guten Operugesellschaft ( mit einer schlechten oder auch nur mittelmäßigen wäre doch Niemanden
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. September 1855, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/229-kritische-betrachtungen-ueber-die-einfuehrung-einer-opern-saison-in-1855).

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